Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996







über die Verlegerfamilie Henze

Verlage und Buchdruckereien gab es früher nicht nur im ,,Mediengebiet" von Reudnitz, sondern auch im Neustädter Gebiet. So war es nicht verwunderlich, dass die Urkunde im Grundstein der Heilig-Kreuz-Kirche am Neustädter Markt vom ortsansässigen Buchdrucker Henze geliefert wurde. Acht Mark, wie man der Kirchenbauakte entnehmen kann, das war für damalige Verhältnisse ein stolzer Preis (1893). Vielleicht ist das Papier besonders alterungsbeständig, im November wird diese Urkunde 100 Jahre alt.

Die Druckerei Henze befand sich damals in der Ludwigstraße 32 und 34. Diese Häuser gehören zu den ältesten im Wohngebiet Leipzig-Neustadt. Sie wurden damals auf der Wiese gebaut. Ein Herr Spott hatte im Jahr 1870 beide Häuser errichtet, man sieht heute die ähnliche Bauweise (Bildmitte).


Leipzig - Neustadt, Hofseite der ehemaligen Häuser
des Verlegers Henze in der Ludwigstraße

Die fertigen Häuser übernahm im Jahr 1871 der Commerzienrat Adolf Henze, der eine Druckerei einrichten ließ. Adolf Henze war 57 Jahre alt, verheiratet, hatte vier Söhne und eine Tochter (eine weitere Tochter war bereits frühzeitig verstorben). Im Adressbuch der Leipziger Ostvororte von 1882 steht: ,,Königlich-Sächsischer Commissionsrath, Buchdruckereibesitzer und beeideter Sachverständiger für Schriftvergleichung".

Im November 1871 erwarb Herr Henze noch eine weitere, angrenzende große Feldparzelle, so daß er nun ein stattliches Gelände von etwa 7000 m² zwischen Ludwigstraße und Eisenbahnstraße (damals den Gleisen der Leipzig-Dresdner Eisenbahn, bis 1897) in seinem Besitz hatte. Die damals gepflanzten Bäume sind noch heute die Hofdominanten in diesem Häusergebiet. Auf dem Gelände soll es damals sogar einen kleinen Tierpark gegeben haben. Im Hause des Verlegers Henze fanden 1873 die ersten Tagungen und Versammlungen der Grundstücksbesitzer der neuen Ansiedlung (Schönefeld, Ortsteil Neuer Anbau) statt. Ende 1883 starb Adolf Henze im Alter von 69 Jahren. Im Reudnitzer Tageblatt wurde seinem Nachruf eine Extraseite gewidmet. Darin heißt es:
,,Das scheidende Jahr hat in seinen letzten Tagen, am 28. Dezember, noch einen Mann urplötzlich aus dem Leben gerufen, der über ganz Deutschland, ja in den wissenschaftlichen Kreisen der ganzen Welt in hohem Ansehen stand: Kommissionsrat Adolf Henze, den Begründer der modernen Chirogrammatomantie (Handschrift-Beurteilungskunst)...

Infolge der Sicherheit und Richtigkeit seiner Urteile über Schriftverfälschungen wurde er von den Ministerien aller deutscher Staaten als Sachverständiger empfohlen und bei den meisten Justizbehörden in Pflicht genommen. Sein Urteil wurde in mehr als 10.000 Fällen gefordert und war in zweifelhaften Sachen stets ausschlaggebend...

Beigesetzt wurde er in der Familiengruft zu Schönefeld. Der Leichenwagen prangte im reichen Palmen- und Blumenschmuck. Drei Frauen trugen auf Atlaskissen die letzten Ehrenspenden für den Entschlafenen."

Buchdruckerei-Inhaberin wurde die Witwe Eleonore Henze, Adolph Henze jr. wurde Geschäftsführer. Im Leipziger Adressbuch von 1896 werden die Söhne Arno und Arthur Henze als Redakteure der Verlagsbuchhandlung genannt. Die Familie Henze legte ihr Geld in Form von Immobilien auf ihrem Grund und Boden an: in der Ludwigstraße wurden die Häuser 30 und 36/38, in der Eisenbahnstraße die Häuser 39, 41, 43 und 45 mit ihrem Geld errichtet. Die Häuser in der Eisenbahnstraße waren anfangs wie folgt aufgeteilt:
 

Besitzer Nr. 39 Adolph Henze
Nr. 41 Gebrüder Henze

Nr. 43 Arno Henze

Nr. 45 Arthur Henze

und die Häuser in der Ludwigstraße waren Verlagshäuser ,,Henze‘s Verlag".
In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts mussten von der Familie Henze zunächst die Häuser Eisenbahnstraße 41 und 43 verkauft werden, schließlich auch die 39 (1929 wohnte Adolph Henze dort noch in der 2. Etage) und in der Ludwigstraße mussten die Häuser 30 und 32 verkauft werden. Der Verlag hatte zuletzt in der Ludwigstraße 36/38 in der 1. und 3. Etage sein Domizil. Im letzten
 
Ausschnitt Plan Leipzig-Neustadt
Grundstücke der Verleger-Familie Henze (um 1910)

Leipziger Adressbuch vor Ende des 2. Weltkriegs, von 1942, ist kein Verlag der Familie Henze mehr zu finden.
Besitzer der Häuser Eisenbahnstraße 45, Ludwigstraße 34 und 36/38 war dieHenzesche Erbengemeinschaft. In der 34 wohnte noch ein A. Henze, technischer Angestellter, und in der 36/38 ein Frl. J. Henze - vielleicht die Nachfahren? Übrigens kann man die letztgenannten Besitzverhältnisse noch heute an den altenHaustafeln lesen.

Fazit: Im Wohngebiet am Neustädter Markt gibt es durchaus erwähnenswerte Traditionen und Persönlichkeiten, auch wenn man das dem Gebiet heute kaum noch ansehen kann.
 
 

September 1993

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