Historisches aus dem Leipziger Osten


Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996





über +++LANDKARTENGAEBLER+++
 
 

Zugegeben, ich bin in alte Karten und Stadtpläne vernarrt. Mit zwölf Jahren erbte ich von einem verstorbenen Onkel einen alten Atlas mit dem Titel ,,Andree‘s allgemeiner Handatlas in sechsundachtzig Karten", herausgegeben von Velhagen & Klasing 1881 in Leipzig. Mit 30cm x 42cm paßt er kaum in den Bücherschrank. Aus dem Nachlaß meines Großvaters, der hier in den zwanziger und dreißiger Jahren Stadtbaumeister war, erhielt ich im Jahr 1969 einige sehr exakt ausgeführte Stadtpläne, bearbeitet von der ,,Vermessungsabtheilung des Leipziger Tiefbauamtes", von Giesecke und Devrient in Leipzig herausgegeben ab dem Jahr 1903 und folgenden Ausgaben. Dazu kamen noch einige Stadtpläne aus den zwanziger Jahren, mehrere Wanderführer durch die Leipziger Umgebung und als Clou eine Leipziger ,,Radfahrer-Specialkarte" mit sehenswertem Jugendstileinband aus dem Jahr 1910, alles herausgegeben von Eduard Gaebler‘s Geographischem Institut, Neustädter Straße 36 in Leipzig-Neustadt.

Über die großen Leipziger Verlage der Vergangenheit wurde schon viel geschrieben - über Gaebler‘s fand ich bisher weder etwas in Büchern noch Zeitschriften, selbst in der Deutschen Bücherei kann man nur ganz vereinzelt Hinweise finden.

Das soll sich aber mit diesem Beitrag ändern.

Ausschnitt aus dem Plan des Leipziger Tiefbauamts, 1929
hervorgehoben: Grundstück mit Brandkataster-Nr. 63

Das Haus Neustädter Straße 36 wurde, so kann man den Einträgen im Flurbuch Schönefeld und den alten Gemeindeakten entnehmen, in den Jahren 1871 /72 gebaut. Erste Hausbesitzerin war Frau A. C. Schmidt bis Mitte der achtziger Jahre. Damals wurden die Häuser gemäß Brandkataster-Nummer benannt - das Haus trug deshalb die Nummer 63, später die Bezeichnung Marktstraße 1 (bis zur Jahrhundertwende).

Also erst ab Mitte der achtziger Jahre wird ,,Director‘ Eduard Gäbler, später Gaebler geschrieben, als neuer Hausbesitzer und Inhaber eines geographischen Instituts angegeben. Laut Adreßbuch des Deutschen Buchhandels hatte Eduard Gaebler aber bereits am 6.10.1866 einen ersten Verlag (in Leipzig oder Umgebung) gegründet. Sein Name taucht erstmals im Jahr 1874 in einer Hausbesitzerliste der Gemeinderatsakten von Schönefeld, Neuer Anbau (ursprüngliche Bezeichnung der Neustädter Ansiedlung) auf. Damals pachtete er das Haus Nr. 4 (später Ludwigstr. 28) für gewerbliche Zwecke von Herrn C. G. A. Tunze.

Aber nicht für einen eigenen Verlag, sondern im Auftrag des Braunschweiger Verlegers George Westermann. Aus den Unterlagen des Deutschen Börsenvereins geht hervor, daß G. Westermann im Jahr 1874 in Leipzig ein geographisch-artistisches Institut gründete. Wörtlich steht dort: ,,Eduard Gaebler, dessen Firma erlischt, wird mit der technischen Leitung betraut."

Als G. Westermann im Jahr 1879 verstarb, übernahm Gaebler den Leipziger Verlagsableger. Im Gesamt-Verlags-Katalog des Deutschen Buchhandels wird als Gründungsdatum für ,,Eduard Gaeblers Geographisches Institut" der 5. Dezember 1879 angegeben. Als erste größere Verlagspublikation wird in Kayser‘s Bücherlexikon (Ausgabe 1877 bis 1882) ein ,,Special-Atlas der berühmtesten und besuchtesten Gegenden und Städte Deutschlands und der Alpen" von 1882 angeben. Nun wurde das erste Verlagsgebäude zu klein und der Umzug in das Haus Markt-straße 1 erfolgte. Neue Druckmaschinen mussten beschafft werden. Im ,,Reudnitzer Tageblatt" vom 16. April 1886 steht folgender Artikel:

,,Neustadt. Anläßlich der Inbetriebnahme einer neuen Schnellpresse gab der Chef der Firma Ed. Gaeblers Geographisches Institut seinem Arbeitspersonal nebst Damen am vorigen Sonnabend eine solenne Festivität in Form eines Ausfluges per Omnibus."

Dabei bedeuten ,,solenn" lt. Fremdwörterbuch: feierlich, festlich und ,,Omnibus" vermutlich soviel wie heute ,,Kremser"

In den neunziger Jahren wurde das Seitengebäude Marktstraße 2 errichtet, der Verlag expandierte. Hauptsächlich wurden Landkarten, Schulwanderkarten und Wanderführer herausgegeben. Die Zahl der Veröffentlichungen stieg von 48 im Zeitraum von 1891 - 1895 und 78 im Zeitraum 1896-1900 auf 94 im Zeitraum 1901 - 1905 (Heinrich).

Die beiden Verlagsgebäude, jetzt unter der Bezeichnung Neustädter Str.36, reichten nicht mehr aus. Im benachbarten Reudnitzer Gebiet wurde am 1.10.1907 die Buchdruckerei von Carl Schönert, Senefelder Str. 16/20 (gegr. 1869) von Gaeblers übernommen. Als Geschäftsführer werden im Adressbuch des Deutschen Buchhandels für diesen Ableger Friedrich, Robert und Walter Gaebler genannt - meiner Annahme nach Söhne von Friedrich Eduard Gaebler, der mit zwei weiteren Söhnen, Edwin und Adolf als Prokurist bzw. technischer Leiter, den Verlag in der Neustädter Straße bis etwa 1910 leitete. Er hat also, wie ich annehme, die erste große Blütezeit der Firma noch miterlebt.
Im Leipziger Adressbuch aus dem Jahr 1912 wird E. Gaebler als Druckereibesitzer, wohnhaft in Rüssen, angegeben. Vielleicht war das ein AItersruhesitz; Rüssen liegt zwischen Zwenkau und Pegau unmittelbar vor den Toren der Stadt Leipzig.

Im Verlag und den Druckereien haben Gaeblers in diesem Zeitabschnitt sicher 70 bis 80 Arbeiter beschäftigt. Eine besondere Auszeichnung erfuhr der Verlag in Jahr 1912. Ab diesem Jahr wurde Eduard Gaeblers Geographisches Institut zu einem der wenigen speziellen Geographie-Verlagshäuser des Deutschen Buchhandels ernannt. Das hatte eine Reihe handelstechnischer Vergünstigungen mit sich gebracht. Übrigens wurde zum gleichen Zeitpunkt auch das Verlagsgründungsdatum von 1879 auf 1866, erster Gaebler‘scher Verlag, vorverlegt. Als Telegraphen-Adresse galt jetzt: ,,Landkartengaebler" und die Firma war KG geworden. Aber, der mögliche große Sprung zu einem der ganz großen Verlagshäuser misslang. Hauptursache waren der Ausbruch des 1. Weltkrieges und die Nachkriegskrise. Die Produktionszahlen waren auch für den kleinen Verlag Gaebler‘s rückläufig. Wer hatte in diesen Zeiten schon Interesse an Wanderungen in der heimatlichen Umgebung, lustigen Rad- oder Automobil-Ausflügen?

Im Buchhandelsadressbuch aus dem Jahr 1916 wird Eduard Gaebler als Geschäftsführer nicht mehr erwähnt, vermutlich ist er in dieser Zeit verstorben.

Aufwärts ging es für ,,Landkartengaebler" erst wieder in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Besonders durch preiswerte Verlagspublikationen versuchte man breite Bevölkerungsschichten zu erreichen. Stadtpläne und Wanderkarten für 1,- RM fanden einen guten Absatz, auch wenn sie sich nur auf das sächsisch-thüringische Gebiet beschränken - oder gerade deshalb?

Nebenbei bemerkt wurden als Druckfarben in der Kartenproduktion häufig Farben der Farbenfabrik Berger & Wirth verwendet. Diese Fabrik befand sich in Schönefeld, gleich gegenüber vom Stannebeinplatz. Eine Inschrift ist auch heute vom S-Bahnhaltepunkt Leipzig-Ost aus noch zu erkennen.

Im Jahr 1926 werden als persönliche haftbare Gesellschafter der Verlagsfirma in der Neustädter Straße Herr Dr. Richard August Streitmann (Börsenvereinsmitglied) und Herr Adolf Gaebler angegeben. Die Druckerei in der Senefelder Straße bestand noch bis zum Jahr 1932, zuletzt unter der Leitung von Robert und Walter Gaebler. Sie musste in der Zeit der Weltwirtschaftskrise geschlossen werden - wieder wenig Zeit für Wanderausflüge.

Nach der Aufgabe des Druckerei-Ablegers in Reudnitz musste auch die eigentliche Verlagsfirma in der Neustädter Straße am 27.4.1935 Konkurs anmelden. Als Konkursverwalter bzw. Leiter wurden die Rechtsanwälte K. Gaus und Dr. 0. Röbel eingesetzt. In dieser Zeit wurde der betagte ehemalige Firmenbesitzer Adolf Gaebler nur noch als Sachbearbeiter geführt, das Verlagsgebäude wurde direkt von der Leipziger Immobilien Verwaltungsgesellschaft mbH verwaltet.

Von 1939 an wurde der Betrieb bis 1942 fortgeführt, ab dem 14.1.1941 als GmbH unter den Geschäftsführern Dr. Rauschenbach, Steinweg und Lindemann.
Die letzte Neuerscheinung datierte aus dem Jahr 1942.

Vermutlich starb Adolf Gaebler Anfang der vierziger Jahre, leider konnte ich keinen Augen/Zeitzeugen mehr ausfindig machen, der mehr darüber weiß...

Nach über 75jähriger Gaebler‘scher Verlagstradition erlosch der einst so populäre Verlag ,,Eduard Gaebler‘s Geographisches Institut Leipzig", der in diesem Jahr sein 130jähriges Gründungsjubiläum gehabt hätte.

Anmerkung: bis mindestens 1948 unterstand der Verlag pro Forma weiterhin der Leitung der Herrn Rauschenbach, Steinweg und Rumpf, Deutschen Zentraldruckerei AG Berlin SW 11, die aber faktisch keinen Einfluss auf Firmen im sowjetisch besetzten Sektor Deutschland hatten.

Leipzig, Im Juni 1996

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