Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996





über die Neustädter Kinder

Dieser Beitrag soll all den Kindern gewidmet sein, die zwischen den Hinterhöfen, Ruinen, Mülltonnen und auf den kargen Straßen des Neuschönefelder und Neustädter Gebiets aufgewachsen sind und aus denen trotzdem etwas geworden ist.

Wir sind in dieser Gegend in den 70iger und 80iger Jahren dreimal umgezogen, wohnten in der Melchior-, der Schulze-Delitzsch- und der Neustädter Straße. In unseren Häusern gab es immer viele Kinder, in der Neustädter Straße 18 waren es zeitweise 21.
Die Familien wohnten oft in kleinen Wohnungen, ohne Bad oder Dusche und hatten meist AWC auf der halben Treppe. Hinten raus hatten die Häuser auch nicht viel zu bieten: enge, gepflasterte oder zubetonierte Höfe mit wenig Sonne und Grün zwischen den Hinterhäusern.

In der Entstehungszeit des Ortes muss es aber teilweise noch viel enger zugegangen sein. Die Wohnungsliste vom August 1874 wies in 88 bewohnbaren Grundstücken etwa 1100 Kinder aus, in einigen Häusern bis zu 41. Über die Hälfte der Kinder war damals unter 6 Jahren jung und sicher waren viele davon tagsüber allein zu Hause.
Die Wochenlöhne in den Leipziger Vorortbetrieben lagen mit 15 bis 30 Reichsmark relativ niedrig. Da mussten beide Elternteile den Lebensunterhalt der Familie sichern. Zum Vergleich: die Jahresmiete für eine kleine Wohnung lag zwischen 200 und 300 Mark.

Zur Kinderbetreuung boten sich auch bald private Kindergärten an. Ein erster privater Kindergarten wurde 1876 in Neustadt eröffnet (damals noch als "Schönefeld, Neuer Anbau" bezeichnet).
Im ,,Leipziger Dorfanzeiger" vom 8. Januar 1876 kann man darüber auf Seite 10 lesen:

,,Vom 10. Januar an eröffne ich eine Strick- und Spielschule, und erlaube mir die geehrten Hausfrauen besonders aufmerksam zu machen. Kinder von 3 1/2 Jahren an, und bitte um gütige Berücksichtigung. Schönefeld, Anb., Ludwigstraße 30, 3. Tr., Fr. W. Schumann."

Damals wurden die Häuser noch nach Brandkatasternummern bezeichnet - nach heutiger Nummerierung das Haus Nr. 37. Im Jahr 1880 übernahm Frau Margarete Lorenz diesen Privat-Kindergarten.


Anzeige aus dem Adressbuch der Leipziger Ostvororte vom Jahr 1889

In der Marktstraße 28 (heute Meißner Straße 58) gründete Frau Bertha Schmidt Anfang der 80er Jahre einen weiteren Privat-Kindergarten. Aber der erwartete große Zuspruch blieb aus. Für Arbeiterfamilien mit mehreren Kleinkindern war so ein Privat-Kindergarten zu teuer.
Im ,,Reudnitzer Tageblatt" vom 6. Februar 1885 Kann man folgendes lesen:

,,Neustadt. Das von Frl. Bertha Schmidt geleitete Kinderheim hat bis jetzt seitens unserer Einwohner nicht die Beachtung gefunden, die es verdient. Im vergangenen Jahr besuchten den Kindergarten 30, die Bewahranstalt 26 Kinder, für welche insgesamt 675 Mark vereinnahmt wurden, während sie Ausgaben 776 Mark betrugen.
Das Kinderheim nimmt die Kinder vom zurückgelegten zweiten bis zum vollendeten neunten Lebensjahr an und ist geöffnet früh bis abends 7 Uhr. Dasselbe zerfällt in den Kindergarten und in die Bewahranstalt, in welch letzterer die Kleinen auch Mittagskost erhalten. Als Beitrag wird erhoben für den Kindergarten monatlich 1 Mark, für die Bewahranstalt wöchentlich 50 Pf. "

Vom Neustädter Gemeinderat wurde dringend die Einrichtung eines öffentlichen Kindergartens gefordert. Unter der Aktenbezeichnung ,,Die Kleinstkinderbewahr-Anstalt betr., ergangen im Jahre 1884" lassen sich noch heute diese progressiven Aktivitäten zurückverfolgen. Als Präzedenzfall wurde ein Unfall vom 18. Dezember 1884 herangezogen. Bei einem Wohnungsbrand in der Hedwigstr. 6 (heute Hedwigstr. 20) sprang das sechsjährige Mädchen Emma Böttcher in seiner Not aus dem Fenster der dritten Etage und brach sich beide Arme. Die Mutter war zur Arbeit gegangen und hatte die Wohnungstür verschlossen.

Der Gemeinderat forderte von der Schönefelder Rittergutsbesitzerin Frau Baronesse von Eberstein, der ja noch aller unbebauter Grund und Boden auf dem Gemeindegebiet gehörte, ein Stück Bauland zu günstigen Konditionen. Dieses Ersuchen wurde im Jahr 1885 abgewiesen. Unter Führung des Volkmarsdorfer Diakons Herrn Weichsel wurde am 20. März 1885 ein ,,Comitee zur Errichtung einer KinderbewahranstaIt in Neustadt" gegründet. Nach fast fünf Jahren hatte man schließlich doch Erfolg. Nach einer Schenkung durch den Verwalter der Firma Bäßler & Bomnitz (Dampfsägewerk) erhielt die Gemeinde Neustadt im Jahr 1889 einen Betrag von 10.000 Mark zur Errichtung eines Kindergartens überwiesen. Am 18. Oktober 1889 konnte im Haus Alleestraße 6 (heute Schulze-Delitzsch-Str. 13) ein gemeindeeigener öffentlicher Kindergarten eröffnet werden.

Vor ein paar Jahren erhielt ich vom Herrn Wohlrath aus Schönefeld ein Postkartenfoto vom Haus Mariannenstraße 71 aus dem Jahr 1907. Ein Blick ins Leipziger Adressbuch zeigt den typischen Bevölkerungsdurchschnitt in diesem Haus:
,,pt.  Fr. T. List, verwittwet Fr. W Guth, Heimbürgerin
1. Hr. C Reinhold, Kaufmann Hr. B. Wahl, Kaufmann
2. Hr. C. E. R. Schmidt, Postschaffner Hr. H. Gebauer, Flaschenbierhändler
3. Hr. M. Herrmann, Maschinenmeister (bis 1. April), Hr. G. Kaiser, Tapezirer (v. 1. April) Hr. W. Kuhnert, Arbeiter
4. Fr. E Schwendler, verwittwet Hr. A Colditz, Feilenhauer
HG (Hintergebäude) Tischlereiwerkstelle 
G. Kaiser, Tapezirer (Werkst.)"

Auf dem Bild zehn Kinder, die sicher als Spielplatz zwischen Straße und Tischlerei-Hof notgedrungen wählen konnten. Vielleicht haben sie auch ,,Verstecken" in den frischgetischlerten Särgen gespielt?...

Der heutige Kindergarten in der Hermann-Liebmann-Straße 99 wurde als öffentlicher Kindergarten des damaligen Stadtbezirkes Leipzig-Mitte am 23. Dezember 1963 übergeben. In diesem Kindergarten ist auch unser ältester Sohn gewesen.
Auf der Neuschönefelder Seite entstand an der Konradstraße im Jahr 1988 eine Kinderkombination (Kinderkrippe/Kindergarten), diese besuchte bis zu seiner Einschulung im Jahr 1991 unser jüngster Sohn. Gleich am Rabet-Park gelegen, nur ein kleines Stück vom Elsa-Park entfernt, hat uns diese Einrichtung mehr an den ,,Garten" im Begriff erinnert als die triste Einrichtung an der Liebmannstraße.
 

Leipzig, im März 1995
 
 

Eine Schule für den ,,Neuen Anbau" von Schönefeld
 
 

Die schulpflichtigen Kinder der ersten Mieter des Schönefelder Ortsteils Neuer Anbau gingen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in die nahegelegene Schule nach Neuschönefeld. Zum einen war der Weg bis zur Schule nach Schönefeld für die Kinder zu weit, zum anderen wurden die ersten Häuser des heutigen Leipzig-Neustadt damals an der Ecke Neustädter/Ludwigstraße gebaut - unweit der Neuschönefelder Schule. Diese lag auf dem Areal der heutigen Betriebsberufsschule ,,Makarenko" an der Rudolphstraße, etwa zweihundert bis dreihundert Meter von den ersten Wohnhäusern des Neuen Anbaus entfernt.

Um zur Schule zu gelangen, mussten die Kinder den Bahnübergang über die Gleise der Leipzig-Dresdner Eisenbahn benutzen, der sich unmittelbar an der heutigen Einmündung der Neustädter in der Eisenbahnstraße befand. Die Eisenbahngleise verliefen etwa auf der heutigen linken Seite der Eisenbahnstraße. Rechts der Gleise führte damals auf Neuschönefelder Seite die ursprüngliche, schmalere Eisenbahnstraße entlang.

Das Leben der Anwohner, besonders der Kinder, war unmittelbar von der Eisenbahn geprägt. Manchmal allerdings gab es auch Konfrontationen mit der Eisenbahngesellschaft und den Behörden. Dem ,,Leipziger Dorfanzeiger" vom 16. Februar 1869 ist eine Notiz zu entnehmen, nach der wiederholt Neuschönefelder Kinder mit Steinen nach den vorüberfahrenden Zügen der Leipzig-Dresdner Eisenbahn geworfen hatten:

,,Bekanntmachung. Seit mehreren Monaten ist wiederholt von Knaben aus Neuschönefeld mit Steinen nach vorüberfahrenden Eisenbahnzügen geworfen, namentlich aber am 26. September vorigen Jahres ein Reisender durch einen ins Coupe eingedrungenen über 1/4 Pfund schweren, scharfkantigen Stein im Gesicht verletzt worden.... Nachdem es dem Bezirksgendarm gelungen, vier Neuschönefelder Knaben, von den zwei 13 Jahre, einer 11 Jahre und einer 8 Jahre alt, zu ermitteln, ... so ist den drei älteren Knaben eine mäßige Züchtigung zuerkannt und an zweien von ihnen mit Zustimmung der Eltern vollstreckt, der jüngste verwahrt worden."

Die Verwahrung war nach Zeitungsangabe eine 3 1/2tägige Haftstrafe.

Für die Bewohner des Neuen Anbaus wurde ab Schuljahresbeginn 1869 Ostern laut einem Schreiben der Leipziger Schulinspektion die Zahlung von Schulgeld an die Neuschönefelder Schule erhoben. Damit war für die erste Zeit der Schulbesuch in Neuschönefeld sanktioniert. Das ging aber infolge der immer mehr wachsenden Schülerzahl aus dem Neuen Anbau, in dem ständig neue Häuser gebaut und bezogen wurden, nur bis Februar 1873 einigermaßen gut. Zu diesem Zeitpunkt wurden erste Anträge auf Neuschönefelder Gemeinderatssitzungen eingebracht, die Schulkinder des Schönefelder Neuen Anbaus aus der Schule auszuweisen. Für das Schuljahr 1873/74, da dazu die Bestätigung der Schulinspektion erforderlich war, kamen diese Anträge zu spät, so dass für dieses Schuljahr nochmals die Neuschönefelder Schule alle Kinder aufnehmen musste. Ab Januar 1874 bemühte man sich von selten des Schönefelder Gemeinderates, Räume zur provisorschen Schulnutzung im Neuen Anbau zu mieten mit dem Ziel, ab Ostern 1874 für zwei bis drei Schulklassen mit jeweils etwa 60 Schulkindern eine Übergangslösung bis zum Bau einer neuen Schule zu finden.


ehemaliges erstes provisorisches Schulgebäude, Ludwigstraße 28, Bildmitte
im März 1993 abgerissen

Diese Räume fand man in einem teilweise leer stehenden Gebäude in der Ludwigstraße 4, heute Nr. 28 - siehe Bilder 10.1. und 10.2. Hier wurden bereits Ostern 1874 etwa 270 Schulkinder von zwei Lehrern, Herrn Schütz und Herrn Lugenheim und einem Hilfslehrer in drei Klassen unterrichtet. Laut einer Wohnungsliste für Schönefeld, Neuer Anbau vom August 1874 gab es im Territorium bereits 356 schulpflichtige Kinder, im November 1874 waren es 435. In einem Schreiben an die Leipziger Schulinspektion hieß es:

,,Während der ersten zwei Monate mögen die Schulräumlichkeiten, bestehend aus Parterre und zwei Etagen zur Plazierung der Schüler noch nothdürftig ausgereicht haben, später aber, insbesondere von Beginn des 2. Halbjahres 1874 ab, war dies bestimmt nicht mehr der Fall. ... Nach § 11 des Schulgesetzes soll jedes Kind mindestens 2,5 m³ Raum erhalten, nach § 12 soll die Schülerzahl einer Klasse 60 nicht überschreiten und einem Lehrer nicht über 120 Kinder zum Unterricht überwiesen werden. Unsere 2 oberen Schulzimmer enthalten... 100 m³, das Parterrelocal aber, in welchem die stärkste Klasse (95 Kinder) placiert, ist wegen dem Hausflur noch bedeutend kleiner."

Zur Pause hielten sich die Kinder auf der Straße auf. Der aufsichtsführende Lehrer gab mit einer Glocke das Zeichen zum Beginn des Unterrichts.

Im November 1874 ist in den Akten des Schulvorstandes zu lesen, dass die 2., 3. und 5. Klasse je 96, die 4. 85 und die 1. 62 Schüler zählte. Es wurde dringend ein weiterer ständiger Lehrer gefordert.
Das Gehalt wurde mit 280 Talern fixem und 70 Talern Wohngeld pro Jahr angegeben und war ausgesprochen niedrig:


Lageskizze des ersten Schulgebäudes im Jahr 1874, Haus Nr. 4 in der Ludwigstraße

Zu dieser Zeit waren die Klassenzimmer dermaßen überfüllt, dass man selbst auf Fensterbänken und Kathedern schrieb. Im Januar 1875 wurde das Schulprovsorium auf Anforderung der Königlichen Schulinspektion Leipzig II vorübergehend geschlossen, weil über die Hälfte der Schuler wegen Krankheit fehlten. Der zuständige Bezirksarzt wurde um ,,medizinal-polizeiliche Untersuchung der Localitäten ersucht", wie es in einer Aktennotiz hieß. Die daraus erfolgenden Auflagen der Schulinspektion kennzeichnen die bestehende Situation:

,,1. dass jede Klasse mit 2 guten entsprechend großen Reguliröfen an Stelle der durchaus unbrauchbaren Kanonenöfen, jeder Ofen aber mit einem vom Fußboden bis zur Höhe des Ofens weisenden mantelartigen Schirm versehen werde, um die in unmittelbarer Nähe sitzenden, bedauernswerthen Kinder vor übergroßer Hitze zu schützen."

2. in jedem Klassenzimmer sollte eine Uhr angebracht werden

3. an jedem Südfenster sollte ein oberer Fensterflügel während des Unterrichts geöffnet sein

4. die hintersten Schulbänke sollten 40 cm von der Wand abgerückt und mit Lehnen versehen werden [bis dahin lehnte man sich offensichtlich an die Wand]

5. dass die fehlende Abtrittsthür hergestellt, auch durch Verschlag verhindert werde, dass wie es jetzt möglich ist und auch geschieht, die Knaben vom Pissoirraum aus in den Mädchenabtritt hinüberschauen können."

Nach Wiederaufnahme des Schulbetriebes musste die Schule bereits am 7. Februar 1875 erneut geschlossen werden, diesmal wegen der Kälte in den Klassenzimmern.
In den Akten hieß es: ,,Gestern betrug die Temperatur und haute waren in unmittelbarer Nähe des Ofens aufzunehmen." (Temperaturangaben in °R - das entspricht 7,5 bis 5 °C) ,,Die Classe wurde geschlossen, weil die Kinder vor Frost zitterten."

Der Gemeinderat in Schönefeld beschloss zwei Tage später, die 1. Etage in der Alleestraße 69 B (heute Schulze-Delitzsch-Straße 18) schnellstens provisorisch zu Schulzwecken einzurichten, Gebäude Bildmitte.

Lageskizze des von 1875 bis 1878 für Schulzwecke genutzten Gebäudes Allee-straße 69 B
Alleestraße        heute Schulze-Delitzsch-Straße
Marktstraße      heute Meißner Straße

Ab dem neuen Schuljahr, Ostern 1875, wurde dort bereits unterrichtet (Ende Juli 1875 - 461 Schüler). Gegenüber dem Gebäude lag ein großer Rasenplatz. Dahin gingen die Schüler während der Pause. Er erstreckte sich bis zu den im Bau befindlichen neuen Gleisanlagen nördlich des Neuen Anbaus. Für alle Kinder des Wohngebietes fand von Juni bis September 1875 erstmals eine Pflicht-Pocken-Impfung in weiteren von der Gemeinde gemieteten Räumen des Hauses Alleestraße 69 B bzw. Marktstraße 63 (heute Neustädter Straße 36), laut Impfgesetz im Deutschen Reich vom 1. April 1875 statt. Fern bleiben wurde mit 20 Mark Strafe geahndet. Nachdem bereits im November 1875 Pastor Schmidt vor dem Schönefelder Gemeinderat über die Erwerbung eines Schulplatzes für den Neuen Anbau referiert hatte, beschloss man ,,das am Marktplatz des Neuen Anbaus gelegene Areal von 5000 Quadratellen zum Preise von 2 Mark pro Quadratelle" zu erwerben und forderte vom Grundeigentümer, dem Rittergut Schönefeld, weitere 1000 Quadratellen unentgeltlich abzutreten.

Im April 1877 wurde bereits für die Jungen der 1. bis 3. Klasse im Neuen Anbau unentgeltlich der Turnunterricht eingeführt. Der Turnunterricht in den Volksschulen war in dieser Zeit noch fakultativ und wurde nur an wenigen Schulen durchgeführt.

Unter dem Motto des Preisausschreibens ,,Schönefelder Anbau" waren bis August 1877 16 Schulbauzeichnungen von Architekten an den Schönefelder Schulvorstand, der nach wie vor die Interessen des Neuen Anbaus mit vertrat, eingegangen. Die erst- und drittplazierten Arbeiten ,,Nur das Beste ist für die Jugend gut genug" / Architekt Viehweger und ,,Osten" /Architekt Bösenberg wurden angenommen und zu einem gemeinsamen Schulentwurf überarbeitet.

Am 25. November 1877 fand die feierliche Grundsteinlegung zum Schulneubau statt. Oberlehrer Schütz verlas eine Denkschrift, die anschließend dem Grundstein einverleibt wurde - und vIelleicht auch heute noch darin liegt... Im Schulneubau war auch die Einrichtung eines Turnraums und einer geräumigen Schulaula vorgesehen. Insgesamt trug der Bauplan für seine Zeit progressive Züge, obwohl mit finanziellen Mitteln - besonders von seiten des Schönefelder Schulvorstandes - äußerst sparsam umgegangen wurde. Das geschah nicht ohne Grund, wurde doch fast zur gleichen Zeit auch im alten Ortsteil von Schönefeld eine neue Schule gebaut (heute das Berufliche Schulzentrum 2). Deren Grundsteinlegung fand am 7. April 1878 statt. Obwohl im Neuen Anbau zu dieser Zeit etwa ein Drittel mehr Schulkinder als in Schönefeld vorhanden waren, legen die Baukosten der beiden Schulen etwa gleich:

Schule in Schönefeld 143.316,- Mark,
Schule im Neuen Anbau 140.943,- Mark.
Ab Mai 1878 wurde laut einer Bekanntmachung des ,,Königlichen Ministeriums des Cultus und öffentlichen Unterrichts" auch von der Leipziger Schulinspektion die Durchführung des obligatorischen Turnunterrichts verfügt. In den neuen Schönefelder Schulen sollte der Turnunterricht nach Schulübergabe eingeführt werden. Genaue Maßvorgaben für Turnhallen bzw. -räume gab es damals noch nicht. Das ist sicher eine der Ursachen, dass der Turnraum der heutigen Wilhelm-Wander-Schule schon allein von den Abmessungen her nicht den Turnhallenanforderungen entspricht und nur noch beschränkt, meist von den unteren Klassen, genutzt werden kann.

Die damalige Stelle des Schulhausmannes wurde 1878 mit 750 Mark jährlichem Gehalt, freier Wohnung und Heizung ausgeschrieben. Der Schönefelder Schulvorstand wählte im Juli 1878 den Oberlehrer Schütz zum Direktor der Schule im Neuen Anbau. Der Schönefelder Gemeinderat ersuchte im Oktober 1878 den Schulvorstand im Schulhaus des Neuen Anbaus, einige Räume zur Unterbringung des Gemeindebüros und als Arrestlokale zu überlassen. Außerdem sollte auf der rechten Seite des Schulhofes ein neues Spritzenhaus der Feuerwehr entstehen.

Endlich, am Sonntag, dem 31. Oktober 1878, war es soweit: das Schulhaus des Neuen Anbaus, das heutige Hauptgebäude der Wilhelm -Wander-Schule, Schulze-Delitzsch-Straße 23 wurde feierlich eingeweiht. ,,Stolz zogen die Klassen im Zuge aus dem alten Hause ins neue. Nachdem die Kinder bisher in alten, unzulänglichen Räumen untergebracht worden waren, betraten sie das große und schöne Gebäude mit einer gewissen Ehrfurcht. Der Schulsaal war ihnen gleichsam ein geheiligter Raum ..." hieß es in der Schulchronik .
 


Hauptgebäude der Wilhelm-Wander-Schule, eingeweiht 1878

Nach dem offiziellen Teil der Schuleinweihung zogen Lehrer und Schüler gemeinsam - Musik voran - nach Sellerhausen, dem Nachbarort, in die ,,Güldene Aue". Dort wurde ein Schulfest gefeiert: auf langen Tischen standen Kaffeetassen und Kuchen bereit, anschließend wurde gespielt und getanzt. Abends hielt der Direktor noch eine Ansprache vor der neuen Schule, ,,Rotfeuer" wurden abgebrannt.
Der Unterricht an der neuen Schule wurde am 4. November 1878 für alle Klassen aufgenommen. Die Schülerzahl war bereits auf über 650 angewachsen.

Der Schönefelder Schulneubau wurde noch im gleichen Jahr, am 1. Dezember 1878 feierlich eingeweiht.
Mit Lehrmitteln war es in der ersten Zeit schlecht bestellt. Noch im Oktober konnten Katheder, Tafeln und Schränke beschafft werden, das Mikroskop benutzte man aber mit der Schule in Schönefeld gemeinsam.
 
 

Leipzig-Neustadt, 1992 überarbeitet

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