Historisches aus dem Leipziger Osten

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996






über Hundertjährige
 

Welche Häuser im heutigen Wohngebiet von Leipzig-Neustadt sind eigentlich schon über hundert Jahre alt?

Grund und Boden gehörten im 19. Jahrhundert zum Rittergut Schönefeld.
Um etwas über die ältesten Häuser zu erfahren, muß man demnach im alten Schönefelder Flurbuch nach-schlagen, genauer im "Flurbuch über das im II. Steuerkreise im Steuerbezirke Leipzig liegende Rittergut und Dorf Schönefeld bei Leipzig" von 1840.
Dort wird im Nachtrag Nr.31 als erstes Gebäude im Jahr 1858 der "Neubau einer Dampfschneidemühle" und einiger Nebengebäude (Sägewerk von Bäßler & Bomnitz - 1890 abgerissen, Firma nach Borsdorf verlegt) angezeigt.
Das erste Wohngebäude ist im Nachtrag Nr.72 genannt: Julius Ferdinand Müller, "Neubau eines Wohnhauses betreffend". Im Juni 1866 stand dieses Haus bereits, wie man vorliegenden Aktennotizen entnehmen kann. ... Unlängst und zuletzt als brüchiges Wohnhaus Neustädter Str. 20, das nach teilweisem Einsturz im August 1992 schließlich bis Ende letzten Jahres abgerissen wurde. Zum Glück kamen die Be- und Anwohner mit Leben, Schrecken und umfangreichem bürokratischen Kleinkrieg im Kampf um neuen Wohnraum noch mal glimpflich davon.
Die ersten Wohnhäuser entstanden also zwischen der Eisenbahnstraße und Ludwigstraße an der früheren
Hauptstraße, auf der Ostseite der heutigen Neustädter Straße. Von dort aus reihten sich in einer ersten
(Gründerzeit-) Bauperiode bis etwa 1875 die nächsten Häuser in nördlicher und östlicher Richtung an.

Im Stadtarchiv Leipzig gibt es einen Aktenvorgang "Acten im Intereße des Schönefelder Neuen Anbaus.
Ergangen im Jahre 1873 bis 1876." Dort kann man aus einer Wohnungsliste vom August 1874 interessante
Informationen zur Bevölkerungsentwicklung im damaligen Wohngebiet entnehmen. In 88 Häusern wohnten
damals 2695 Einwohner, davon 550 Kinder unter sechs Jahren, 356 zwischen sechs und 14 Jahren sowie 192
über 14 Jahren fast die Hälfte der Einwohner waren Kinder!

Ein erster Lageplan der neuen Ansiedlung wurde im Auftrag des Schönefelder Gemeinderates von Herrn E.
Siegel im Jahr 1875 aufgenommen.

Auch heute bietet dieser Plan noch eine ganze interessanter Details und Anhaltspunkte:
 

[März 1993]

Der im letzten Heft bereits wiedergegebene erste Lageplan des heutigen Neustädter Gebiets von E. Siegel aus
dem Jahr 1875 wurde in den darauffolgenden Jahren häufig für Projekte, Planungen oder Ergänzungen
verwendet. Das gibt heute u. a. die Möglichkeit, die Reihenfolge der Wohngebietsbebauung relativ genau zu
verfolgen. Ein Original dieses ersten Plans befindet sich übrigens im Fundus des Stadtarchivs Leipzig, dort habe
ich ihn im Jahr 1987 abgezeichnet (zu finden unter "Übersichtscroquis der Flur Schönefeld bei Leipzig,
Flurkarte Nr.608 und 609, Blatt 15 und 16, von 1875").

Im Jahr 1875 hatte das Wohngebiet also etwa 130 bewohnte Gebäude, heute sind die meisten davon noch
erhalten, so rund 120 Jahre alt. Im Januar 1881 wurde das Wohngebiet als "Neustadt bei Leipzig"
selbstständig. Eine ergänzende Darstellung des Siegelschen Plans erschien im Jahr 1883, man zählte bereits
184 bewohnte Gebäude:

Auf einige Details der ,,Hundertzehnjährigen" sei hier hingewiesen:

An dieser Stelle soll zur besseren Einordnung der Siedlungsentwicklung im Leipziger Osten ein Überblick der
Bevölkerungszahlen im Zeitraum von 1834 bis 1900 gegeben werden:
 
Bevölkerung
1834
1861
1875
1885 
1890
1900
Ort/Jahr
Neuschönefeld
0
 4.591
5.292 
6.142
6.697
6.836
Neustadt
0
0
4.301
7.691
9.301
12.314
Reudnitz
633
6.438
11.601
19.019
28.184
40.367
Schönefeld
889
2.089
2.919
4.343
4.342
11.520
Volkmarsdorf
1.512
2.215
8.384
12.741
17.028
22.869
zum Vergleich
           
Alt-Leipzig
46.294
78.495
126.412
170.340
179.689
191.8341

Diese Tabelle zeigt die enorme Bevölkerungsentwicklung der genannten Vororte. Alte Siedlungskerne, wie in
Reudnitz, Volkmarsdorf und anderen historischen Randdörfern Leipzigs, wurden geradezu bis zur
Unkenntlichkeit überwuchert. Binnen weniger Jahre entstanden große neue Gemeinden, faktisch aus dem
Nichts wie Neuschönefeld und Neustadt, bis zur restlosen Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Baulands.

Mit Beginn des Jahres 1890 wurde Neustadt in die Stadt Leipzig eingemeindet.

Eine weitere Version des Siegelschen Plans zeigt noch Bleistift - Nachträge zur Wohngebietsbebauung bis
etwa 1893/94 - das sind die heute ,,Hundertjährigen".

Insgesamt kann man auf diesem Lageplan 245 bewohnte Gebäude ausmachen:

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren dann auf Neustädter Gebiet fast alle Bauflächen bebaut - kein
Wunder also, wenn heute der Sanierungsbedarf groß ist und in vielen Fällen inzwischen zu hoch geworden ist
oder ... durch ,,Einsturzentzug" nicht mehr erforderlich ist.
 
 

[April 1993]

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