Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996





über die Neustädter Kirchturmglocken
 
 
 
 
Das Fazit einer kleinen lokalbezogenen Presseschau Anfang März 1994:
,,Leipzig-Neustadt ... dem Verfall preisgegeben". 

Besonders betroffen scheinen, trotz aller Sanierungs- beteuerungen, die Häuser in der Meißner Straße und am Neustädter Markt. Nachzulesen im Stern 9/94, der LVZ, der Leipziger Rundschau u.a. 
Die meisten Häuser im Neustädter Wohngebiet sind ja auch über hundert Jahre alt und brauchen nach langjähriger Flaute eine dringende pflegende Erneuerung. 
Vor hundert Jahren hatte dieser aufstrebende Leipziger Stadtteil etwa zweieinhalbtausend Wohnungen, die ältesten Häuser waren damals noch nicht mal dreißig Jahre alt und die Kirche wurde gerade gebaut. Sie wird in diesem Herbst ihren hundertsten Kirchweihtag feiern. Nach dem ersten Spatenstich Ende Juni 1893 (siehe Journal 18) und dem Kirchturmbau im Winter 1893/94 (Heft 24) konnten Ende September 1894 die drei Glocken aufgezogen werden. Sie stammen aus der Leipziger Glockengießerei von G.A. Jauck. Diese Fabrik war damals weit über die deutschen Ländergrenzen hinaus bekannt.

Leipzig-Neustadt Kirche Zum Heiligen Kreuz (1989)
Im Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger Nr. 242 vom 17. Oktober 1890 findet man einen interessanten Artikel über einen über die Ländergrenzen hinausgehenden Auftrag der heimischen Industrie:
,,Die hiesige Glockengießerei von G.A. Jauck erhielt den Auftrag, ein dreistimmiges Glockengeläute für das heilige Land und zwar für Bethlehem, die geweihte Stadt, in welcher Christus die Welt erblickte, zu liefern."
Von dieser Fabrik wurden also auch die ursprünglich drei Glocken für die Neustädter Kirche gegossen.
Nach den Kosten für die Orgel aus dem Fond für den inneren Kirchenausbau (41.273,08 Mark) mit 7.160,50 der zweithöchste Einzelposten.
Zur Glockenweihe kann man im Leipziger Tageblatt No.490, vom 25. September 1894, folgendes lesen:

,,Glockenweihe. Leipzig., 24.September. Für alle Zeiten wird die gestern vollzogene, von uns bereits heute kurz mitgetheilte Weihe der Glocken für die neuerbaute heilige Kreuzkirche in Neustadt-Neuschönefeld einen Markstein in der Entwicklung der noch jungen Kirchgemeinde bilden Nachmittags 1 Uhr fand im Schulhofe der 18. Bezirksschule in Neustadt die Aufstellung des Festzuges statt, der sich aus folgenden 27 Abteilungen zusammensetzte: Vorreiter, Musikkorps, Schulen, Jungfrauenverein, hinter welchem später die zu weihenden Glocken kamen, Deputirtenwagen, Kirchenchorgesangsverein und Knabenchor, FrauenHilfsverein, im Anschluß die Frauen aus der. Gemeinde, Ehrengäste, Geistliche, Kirchenvorstand, Lehrerkollegien, Armenpfleger usw., zweiter Frauenhilfsverein, zwei Hausbesitzervereine, Neuschönefelder Militärveteranenverein, Krieger- und Militärverein Neustadt,Militärverein ,,Kameradschaft", Schreberverein, Gesellschaft ,,Harmonie", Mietherverein, Ehemalige freiwillige Schutzmannschaft, Gesellschaft ,,Humor", Gesangsverein ,,Ossian", Gesangsverein Sechzehner", Gesangsverein ,,Liedertafel", Allgemeiner Turnverein Leipzig-Neuschönefeld, Turnverein Leipzig-Neustadt mit Anschluß der Jünglingsvereine.
Als der Zug an der Grenze der Parochie (Platz vor den Kaiserhallen) eintraf, waren die Glocken auf den festlich geschmückten, von Herrn Fuhrwerksbesitzer Weißhahn zur Verfügung gestellten Wagen bereits angelangt. Hier sangen zunächst die Chorschüler das ,,Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", worauf Fräulein Martha Dietrich die poetische Begrüßungsansprache hielt. Dann erfolgte die Übergabe der Glocken durch Herrn Jauck an den Vorsitzenden des Kirchenbauvereins Herrn Postmeister Schiefer. Als der Begrüßungsact vollzogen war, setzte sich der Zug nach dem Platze vor der Kirche in Bewegung. Unmittelbar vor dem Hauptportale wurden die drei Glocken, eine große, eine mittlere und eine kleine, aufgestellt."

Aus vorliegenden Unterlagen läßt sich entnehmen, daß diese Glocken auf der Vorderseite mit dem Bild des Kreuzes, der Lutherrose und der Taube mit dem Ölzweig geschmückt waren. Die große Glocke trug die Inschriften Gal. 6,14 und Röm. 9,30. Letztere lautet: ,,Ich sage von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt." Symbolisch wurden die drei Glocken Glaube, Liebe und Hoffnung geweiht. Im Zeitungsartikel heißt es weiter:
 
,,Hierauf übergab Herr Schiefer die Glocken an den Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, Herrn Pastor Pache, der dann die Weihe vornahm. ... Der Gesang des Chorals ,,Lob, Ehr und Preis sei Gott" und Gebet, gesprochen von Herrn Diakonus Richter, beschlossen den Weiheact, dem als Ehrengäste auch der Herr Rathssecretair Dietrich, vormaliger Gemeindevorstand von Neustadt, und Herr Schuldirektor Schütz beiwohnten.
Unter dem Gesange des Liedes
,,Dreieiniger großer Gott und Herr" wurden hierauf die Glocken in die Höhe gezogen."

Für das Aufziehen der Glocken, so ist aus der Abrechnung ersichtlich, erhielten die Zimmerleute 14 Mark
und die Arbeiter der Fa. Jauck, einschließlich einer Gratifikation für den Gießermeister einen Betrag von 35 Mark.
Über das erste Probeläuten schrieb Pfarrer Ludwig: ,,Wenn auch der Regen leise niederrieselte, so erfüllte doch ein Hochgefühl der Freude die Herzen der Gemeinde, als das erste volle Geläut erklang."

Die mittlere und kleine Glocke (Liebe und Hoffnung) wurden am 19. Juni 1917 auf dem Turm zerschlagen und zu unseligem Kriegsmaterial umgearbeitet, welcher Sarkasmus. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Glocken zwar wieder ergänzt, mußten dann aber im Zweiten Weltkrieg endgültig weichen. Die große Glocke müßte aber noch in ursprünglicher Form vorhanden sein - der Glaube ist geblieben...

Leipzig im März 1994


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