Historisches aus dem Leipziger Osten

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996








über den ersten Spatenstich zur Heilig-Kreuz-Kirche
 
 

Auch vor etwa 100 Jahren konnte man im Neustädter Wohngebiet eine intensive Bautätigkeit beobachten. Die Eisenbahnstraße sollte zu einer Prachtstraße ausgebaut werden, die sich in ganz Europa sehen lassen konnte. Repräsentative Wohnhäuser sollten auch auf dem ehemaligen Sägewerksgelände zwischen Neustädter, Tauchaer (heute R.-Luxemburg-Str.) und Eisenbahnstraße gebaut werden.

Ein besonderes Kapitel in der Baugeschichte Leipzig-Neustadts bildete darüber hinaus der Bau der Heilig-Kreuz-Kirche. Darüber existieren im Leipziger Stadtarchiv (im Neuen Rathaus) eine ganze Reihe interessanter Akten.

Bereits im Jahre 1892 entbrannte, wie man diesen Aufzeichnungen entnehmen kann, im Leipziger Stadtverordnetensaal ein heftiger Disput über mögliche und unmögliche Standorte des beabsichtigten Kirchenneubaus der Kirchgemeinde von Neustadt-Neuschönefeld.


Ausschnitt aus dem Leipziger Stadtplan von 1892 skizzierter Lage der Neustadt-Neuschönefelder Kirchenbau-Standorte, siehe Text.

So wurden auf einer öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten zu Leipzig am 19.Oktober 1892 folgende in Betracht zu ziehenden Standorte genannt:

1. auf dem Marktplatz von Leipzig-Neustadt, bzw. einem Teil desselben
2. auf dem Areal der Firma Leue & Weise (noch nicht bebautes Gebiet an der Eisenbahnstraße damals ein Lagerplatz - heute Grundstück Eisenbahnstraße 71, nahe der Kreuzung Herrmann-Liebmann-Straße)
3. zwischen ,,Elisabethstraße und Elisabethallee" auf Volkmarsdorfer Gemeindegebiet (nach den
   Aktenaufzeichnungen ist die genaue Lage unklar:
   - a entweder heutiger Platz der Lukaskirche (1893 übergeben),
   - b zwischen Mariannen- und heutiger Meißner Straße - damals noch  unbebauter
     Schrebergartenplatz
4. auf dem Areal des zu bebauenden ehemaligen Firmengeländes des Dampfsägewerks von
   Bäßler & Bomnitz
5. in Neuschönefeld, in der Nähe des Siegesdenkmals am Rabet (dafür hätte man allerdings
   mindestens ein Gebäude abreißen müssen, das Gebiet von Neuschönefeld war damals
   vollkommen bebaut)
Schließlich unterbreitete der Architekt Paul Lange aus Leipzig im Februar 1893 dem Kirchenvorstand zu Leipzig-Neustadt-Neuschönefeld und dem Rat der Stadt sein Projekt für den Bau einer Kirche auf dem Neustädter Marktplatz. Laut vorliegenden Akten ließ sich Lange von folgenden Hauptgedanken leiten:
- die richtige Ost-West-Orientierung der Kirche
- Stellung des Turms in die Achse der Hedwigstraße
- Unterbringung von reichlich 900 Sitzplätzen in möglichster Nähe und mit freiem Blick nach
  Altar und Kanzel
- Beschaffung einer größeren Anzahl von Nebenräumen
Nach den Vorgaben der Stadt Leipzig sollte die Grundfläche der Kirche nicht größer als 800 m² sein.
 
In den Kirchenakten führte Lange darüber folgendes aus:
"Die Stellung des Thurmes in die Achse der Hedwigstraße schien dem Architekten als dringend erforderlich, denn nur dadurch kommt der Thurm nicht allein von der Hedwigstraße aus, die bis zur Eisenbahn-  straße eine Länge von 250 Metern hat, zur vollen Geltung, sondern auch von beiden Seiten der Marktstraße (heute Meißner Straße) wird derselbe schon von je 100 Meter Entfernung sichtbar, während bei einer Normallage mit der Stellung des Thurmes nach Westen, dieser dem Auge des Beschauers nur ganz verkürzt entgegen- getreten wäre..."

,,Der Gesichtspunkt, die Kirche bei größter Solidität doch möglichst billig herzustellen, hat den Architekten bei seiner Arbeit geleitet.."

,,Die äußere Architektur ist in roten Verblendsteinen mit mäßiger Verwendung von moosgrünen Glasursteinen projectirt. Zum Hauptdach des Schiffes wie des Thurmes sollen Lwdwigshafner Falzziegel, zu den kleinen Thürmchen Biberschwänze verwendet werden."

        Gezeichnet von Kurt Lieding, Leipzig
        aus der Kirchenjubiläumsschrift von 1919

Als Lange auch von romanischen Rundbögen sprach, gab es damals Einspruch vom amtierenden Stadtbaudirektor Hugo Licht (eine Straße am Neuen Rathaus erinnert noch an ihn). In den Akten ist an besagter Stelle eine handschriftliche Notiz von ihm angefügt:

,,Rundbogen allein giebt  noch kein  Anrecht auf  die Bezeichnung romanisierte Stylformen!"

Von ,,romanischen Formen" ist auch heute ab und an bei Erwähnungen der Leipziger Kreuzkirche in Beiträgen noch zu lesen.
Am 24. Juni 1893 erfolgte auf dem Marktplatz zu Leipzig-Neustadt der erste Spatenstich zum Kirchenneubau. Zu diesem Zeitpunkt berieten die Stadtverordneten bezeichnenderweise über das Bauprojekt und hatten sich noch lange nicht für einen möglichen Bauplatz entschieden.

Leipzig, Januar 1993
 

über den Kirchturmbau in Leipzig - Neustadt
 
 
 
Die evangelisch-lutherische Heilig-Kreuz-Kirche, Neustädter Markt 8 ist die Kirche der Gemeinde von Neustadt-Neuschönefeld. Auch ein Teil von Reudnitz gehört dazu. Diese Kirche wurde in den Jahren 1893/94 gebaut. Am 24. Juni 1893 erfolgte auf dem damaligen Marktplatz von Leipzig-Neustadt der erste Spatenstich zum Kirchenneubau, vor etwa 100 Jahren. Wenn man bedenkt, daß der gesamte Marktplatz eine Fläche von 6970m² umfaßt (mit Straßen), dann kann man sich leicht die dominierende Lage des 823 m² umfassenden Kirchengebäudes vorstellen.
Inmitten hochaufstrebender Mauern konnte bereits am 1. November 1893 feierlich der Grundstein unter dem Eingang an der Hedwigstraße gelegt werden, Die Urkunde im Grundstein wurde übrigens von der ansässigen Druckerei Henze, Ludwigstraße, für 8 Mark angefertigt. Zum gleichen Zeitpunkt soll laut Kirchenchronik auch das Richtfest stattgefunden haben. Der Bauführer erhielt dabei als Geschenk eine goldene Komontoiruhr für 104 Mark. 

Der Gesamtbau unter Leitung des Maurermeisters Leuthier schritt schnell voran und noch vor Weihnachten, bis zum 23. Dezember 1893, konnten die Zimmerer des Meisters Riedel das Balkengefüge des Turms emporführen. Das nebenstehende Bild zeigt diesen Rohbau-Zustand. Das dazu verwendete Foto aus der Kirchenkanzlei der Heilig-KreuzKirche wurde im März 1894 aufgenommen. Das Original ist schon sehr vergilbt. Aber, dic meisterhafte Konstruktion ist andeutungsweise zu erkennen. Sich selbst tragend von der oberen Brüstung des Turmes aus widerstand das Turmgerüst auch tagelangen Stürmen im Februar 1894, von denen der Chronist schrieb: ,,Straßenweit hörte man damals das Seufzen und Stöhnen des Turmgerüstes, aber es hielt."
Der Turm der Heilig -Kreuz-Kirche in Leipzig-Neustadt zählt zu den höchsten Kirchtürmen Leipzigs. Zumindest im Leipziger Osten überragt er alle anderen Kirchtürme:

Neustadt-Neuschönefeld Heilig- Kreuz-Kirche 72 m
Volkmarsdorf Lukaskirche 60 m
Schönefeld Gedächtniskirche 52 m
Sellerhausen-Stünz Emmauskirche 59 m
Reudnitz ehem. Markuskirche 61 m

zum Vergleich:
Russische Kirche 54 m
Peterskirche 83 m
Nikolaikirche 63 m

Alle Höhenangaben sind dem Topographischen Stadtplan Leipzig, Ausgabe 1987, entnommen, teilweise weichen sie von den Angaben in den Bauzeichnungen ab. Laut Bauzeichnung hat der Neustädter Kirchturm eine Höhe von 67,5 m.

Das Turmbild, von Nordosten aufgenommen, zeigt auf dem Nordgiebel des Kirchenschiffs ein interessantes Detail: man kann ein steinernes Kreuz erkennen. Heute fehlt es. Offenbar ist es im Zweiten Weltkrieg infolge eines Bombenangriffs herabgestürzt. Lange Zeit lag es unscheinbar noch dort aut dem Platz, bis es bei einer Beräumungsaktion im Jahr 1987 oder 88 weggeräumt wurde.

Der Kirchturm wurde mit Ludwigshafner Falzziegeln, die kleinen Türmchen mit Biberschwänzen gedeckt. Natürlich wurde auch ein Blitzableiter angebaut, er kostete immerhin 1332 Mark und 72 Pfennige. Die Turmuhr, etwa in 35 m Höhe vom Uhrmacher Müller aus Leipzig hatte ursprünglich ein 8-Tage-Laufwerk und hat 1625 Mark gekostet. Sicherlich wurden in die Dokumentenkapsel im Turmknauf interessante Belege mit eingelötet. Leider weiß ich darüber nichts, man müßte den Pfarrer mal zum neuesten Stand befragen...
 

Leipzig im August 1993

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