Historisches aus dem Leipziger Osten

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996






Von den Anfängen der Kreuzgemeinde zu Leipzig Neustadt-Neuschönefeld
 
 

1. Die Entwicklung der Kirchgemeinde Neustadt - Neuschönefeld

Zur Kreuzkirchgemeinde gehören Gemeindemitglieder aus den Leipziger Stadtteilen Neustadt, Neuschönefeld und eines Teils von Reudnitz.

Der Nordwestzipfel von Reudnitz als ein Teil dieses Kreuzgemeinde-Territoriums gehört dem alten Ort Reudnitz an, einem der ältesten Orte im Leipziger Osten. Sein Name deutet auf eine slawische Siedlung hin, die bereits 1248 erstmals erwähnt wurde. Der innerhalb von Reudnitz gelegene, 1525 erstmalig genannte Ortsteil Tütschendorf, der heute nur noch Historikern bekannt ist, läßt auf ein slawisch-deutsches Neben- und Miteinander in früher Siedlungszeit schließen.

Neuschönefeld ist eine neuere Ortsgründung, deren erste Häuser, nach erfolgter Parzellierung 1831, entstanden. Dieses Gebiet gehörte ehemals zur Gemeinde bzw. dem Gebiet des Ritterguts Schönefeld. Dessen Felder erstreckten sich im Süden bis zum Flüßchen Rietzschke, das - heute nicht mehr sichtbar, durch Schleusen überdeckt - unsere Wohngebiete unterquert. Genauer gesagt handelt es sich um die östliche Rietzschke, die über Stünz, Sellerhausen, Volkmarsdorf, Reudnitz fließend, schließlich in die Parthe mündet Neuschönefeld wurde am 1. März 1845 bereits selbständige Gemeinde. Kirchlich gehörte es aber weiterhin zur Parochie Schönefeld, die außerdem noch im Süden Schönefelds die Dörfer Reudnitz, Volkmarsdorf, Anger, Crottendorf, Stünz, Sellerhausen und später auch Neustadt umfaßte.
Auch Leipzig-Neustadt ist eine neuere Ortsgründung. Es entstand nach 1866 auf der Feldparzelle Nr. 181 des Rittergutes Schönefeld und hatte bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Form eines rechtwinkligen Dreiecks. Das Territorium lag, nach heutigen Straßenbezeichnungen zwischen Eisenbahnstraße im Süden, Hermann-Liebmann- Straße im Osten und Rosa-Luxemburg-Straße verlängert gedacht bis zum heutigen Stannebeinplatz. Im Süden wurde der entstehende Ort nicht nur durch die Eisenbahnstraße von Neuschönefeld getrennt, sondern hauptsächlich durch die Gleise der ersten deutschen Ferneisenbahn Leipzig-Dresden. Die ersten Häuser als ,,Schönefeld Neuer Anbau" entstanden an der Ostseite der heutigen Neustädter Straße. In seiner ersten Bauphase wuchs der Ort von der Neustädter Straße in Richtung Osten; diese Häuser stehen heute noch und sind in der Mehrzahl 110-130 Jahre alt.

1876 wurde ein erster provisorischer Gemeinderat gewählt, im Oktober 1878 wurde das Schulgebäude - heute Hauptgebäude der Wilhelm-Wander-Oberschule - eingeweiht.
 
Konnte man vom Neuen Anbau aus früher über den Schönefelder Spritzenweg (Richtung Rosa-Luxemburg-Straße) und durch die Lindenallee nach Schönefeld zur Kirche gelangen, so mußte man ab 1877 ausschließlich die Brücke am Kirchweg, der heutigen Hermann-Liebmann-Straße benutzen. 

Die Verlegung der Eisenbahngleise aus der Eisenbahnstraße an die Nordseite des Wohngebiets und der dort einsetzende Ausbau eines Sammel- und Güterbahnhofs machte eine Unterbrechung des Schönefelder Spritzenwegs erforderlich ... bis heute. 
Der Kirchweg diente, wie schon sein Name sagt, allen im südlichen Bereich der Schönefelder Parochie gelegenen Orten und Dörfern als Verbindungsweg nach Schönefeld, zu seinem Gut und natürlich auch zur Schönefelder Kirche.

Nach einer Bekanntmachung im ,,Leipziger Dorfanzeiger" vom 8. Dezember 1880 und dem Vergleich der Einwohnerzahlen ergibt sich für die Zusammensetzung des Schönefelder Kirchenvorstandes folgendes interessante Bild:
 

 
Einwohner (1880)
Kirchenvorsteher
Schönefeld
3625
3 und Pfarrer als Vorsitzender
Neuer Anbau
5918
2
Abtnaundorf
464
2
Anger  
1
Crottendorf 
3071
1
Neuschönefeld
5628
3
Neusellerhausen
1797
1
Sellerhausen
2510
1
Straßenhäuser  
1
Stünz  
1
Volkmarsdorf
11054
5
 
Faktisch hatten die Schönefelder Kirchenvorsteher (mit dem Pfarrer) immer 4 Stimmen und konnten, bis auf Volkmarsdorf, alle Einwände und Anträge einzelner Gemeindeorte nach Gutdünken entscheiden. 1878 wurde vom Kirchenvorstand eine neue Gebührenordnung für kirchliche Amtshandlungen erlassen. Bis dahin wurden nämlich alle Gebühren für kirchliche Amtshandlungen unmittelbar an den ,,Herren Geistlichen und Kirchendiener", wie es im ,,Leipziger Dorfanzeiger" vom 5. Januar 1878 heißt, entrichtet. Nunmehr sollte also alles Geld direkt in die Kirchenkasse abgerechnet werden. Man kann aus nachfolgendem Artikel einen kleinen Überblick zu gebührenpflichtigen Amtshandlungen, aus genanntem Zeitungsartikel zitiert, entnehmen:

,,1. Taufen.

Für eine Haustaufe 10 M
Für eine Extrataufe in der Kirche oder im Tauflocal 5 M

Die gewöhnlichen Kirchen- und Localtaufen, sowie die Nothtaufen (bei Krankheit der Kinder) werden unentgeltlich verrichtet.

2. Trauungen.

Für eine stille Trauung - M
Für eine Trauung 1. Grades (mit Gesang und Orgelspiel) 6 M
Für eine Trauung 2. Grades (mit Geläute, Gesang und Traurede) 20 M

3. Begräbnisse.

Für ein Begräbnis mit dem Segen 2 M
Für ein Begräbnis mit dem Segen und Grabgesang 6 M
Für ein Begräbnis mit dem Segen, Grabgesang, Abdankung, Standrede, Leichenpredigt 20 M
Für Glockengeläute bei Beerdigungen 4 M

Für Beichte und Krankencommunionen kommen die Gebühren in Wegfall.
Dagegen ist für den Conflrmandenunterricht von jedem Theilnehmer 1 M,
für Privatconf. 6M

... an die Kirchenkasse zu entrichten."

Zum Vergleich folgende Zahlen:

- ein Schlosser verdiente 1875 wöchentlich 10 Thaler = 30 Mark
- ein Lehrer verdiente 1875 wöchentlich 4-5 Thaler = 12 bis 15 Mark
- ein Kilogramm Butter kostete 1870 2,80 bis 3,00 Mark
- eine Wohnung im Neuen Anbau kostete an jährlicher Miete 45,- bis 90,- Mark
 

2. Die Kirchgemeinde der selbständigen Gemeinde Neustadt 1881 bis 1889

Ab Januar 1861 wurde der Neue Anbau von Schönefeld selbständige Gemeinde mit der Bezeichnung ,,Neustadt bei Leipzig". Das soll damals das 35. Neustadt im Deutschen Reich gewesen sein, wahrlich kein origineller Ortsname. Zum anderen war man aber infolge der dauernden Streitigkeiten mit dem Rittergut und Gemeindevorstand in Schönefeld nicht bereit, etwa mit dem Ortsnamen ,,Eberstein" ,der ebenfalls zur Debatte stand, auch noch dem Schönefelder Rittergut zu huldigen: Besitzerin war Baronesse Clara Hedwig von Eberstein.

Auch nach Erlangen der Neustädter Selbständigkeit blieben Schule und Kirche vorerst noch mit Schönefeld verbunden. Gesonderte kirchliche Nachrichten für Neustadt wurden ab 27. Januar 1881 im ,,Leipziger Dorfanzeiger" ausgewiesen. Im wesentlichen ging es darin um Tauf-, Hochzeits- und Beerdigungsanzeigen. Trotz der relativ jungen Bevölkerung Neustadts überwogen stets die Zahlen der Beerdigungsanzeigen.
Woher kam das? Aus der hohen Kleinkindersterblichkeit, wie ein Beispiel vom 12. März 1881 zeigt:

,,Parochie Schönefeld. Neustadt. Getauft: Otto Arthur Haupt, Hausbes. Sohn. - Begraben:

Anna Winkler, Handarb. Tochter 2 Monate 15 Tage; eine außerehel., unget. Tochter 2 Monate 26 Tage; Emma Therese Köcher, Schneiders Tochter 2 Jahre 7 Monate 4 Tage; ein außerehel. Sohn 4 Monate 12 Tage; Louae Margarethe Günther, Töpfers Tochter 1 Monat 18 Tage."

Anträge des Gemeinderats von Neustadt an den Schönefelder Kirchenvorstand, in der Schulaula der Neustädter Schule Sonn- und Festtags Vor- und Nachmittagspredigten mit Abendmahlsfeiern abhalten zu dürfen, wurden von der Schönefelder Seite immer wieder abgelehnt. Erst ab 1887 wurde die Genehmigung zur regelmäßigen Durchführung von Gottesdiensten erteilt.

Im Jahr 1882 wurde als Versammlungslokal Neustadts der Gasthof ,,Neustadt" gebaut. In Reudnitz wurde im Mai 1882 der Grundstein zur Markuskirche gelegt. Ende des Jahres fuhr erstmals die Pferdeeisenbahn auf ihrer neuen Linie vom Augustusplatz über die Tauchaer Straße (Rosa-Luxemburg-Straße) und die Eisenbahnstraße bis zur Kirchstraße (HermannLiebmann-Straße).
Die große Entfernung von der Mutterkirche in Schönefeld brachte beim Taufgang über den großen Viadukt am Kirchweg für manchen zarten Täufling Erkältung und beim Wege zur Konfirmandenstunde manchem Jungen einen blutigen Kopf. Die damaligen Einwohner kannten noch den Kampfruf: ,,Hie Neustadt-Neuschönefeld! Hie Volkmarsdorf! Hie Sellerhausen! Hie Anger-Stünz!"

Abhilfe kam erst in der Errichtung der Taufkapelle in Neuschönefeld neben dem Harkortschen Grundstück zwischen Jonas- und Melanchthonstraße und in der Übersiedlung der Konfirmandenstunden nach Neustadt. Der damalige biedere Diakon Sparwald tröstete manchmal sich und andere: ,,Was die Schule nicht in acht Jahren fertigbrachte, bringt die Konfirmandenstunde nicht in ein paar Wochen zustande."
Aber es kam doch etwas zustande. Der Bau öffentlicher Gebäude, wie 1883 das Kranken- und Armenhaus, die 1884 beginnende Straßenpflasterung, Einführung der Straßengasbeleuchtung sowie die 1887 beginnende Umgestaltung der Eisenbahnstraße bestimmten das Bild des weiter wachsenden Ortes.

Während der Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes, ab 1881 wurde der Ausnahmezustand über das Leipziger Gebiet verhängt, mußte das evangelisch-lutherische Landesconsortium wiederholt zur Einhaltung einer ,,Verordnung, das Verhalten der Leichenbegleitungen bei Beerdigungen auf evangelisch-lutherischen Gettesäckern betreffend" verweisen. Darin ist ausdrücklich ein Verbot von: ,,Veranstaltungen von Leichenconducten, ... als Demonstration einer der Kirche, sowie der staatl. Ordnung feindlichen Gesinnung..., Führen von Fahnen und Abzeichen in diesem Sinne" enthalten. Desweiteren wurden verboten: ,, ... unangemessen laute Beifallsäußerungen durch ,Bravo‘ und ,Hurrah' und andere derartige Zurufe im Anschluß an die am Grabe angesprochenen Worte."

Als ein besonderes Ereignis wurde - auch im vorigen Jahrhundert - der 400. Jubiläumsgeburtstag Martin Luthers gefeiert. Dazu wurde in Neustadt ein ,,Comite zur Lutherfeier" gegründet, unter Vorsitz des Gemeindevorstandes, das lt. ,,Leipziger Dorfanzeiger" vom 7. November 1883 folgendes Programm aufstellte:

,,Sonnabend, den 10. Nevember, Actus in der Aula der hiesigen Schule und eventuell Beschenkung der Kinder; am Sonntag, den 11. November (nach dem Festgottesdienst in der Schönefelder Kirche) feierliche Pflanzung einer Luthereiche, Abends Fackelzug durch den Ort, Rede und allgemeiner Gesang bei der Luthereiche, dann Zug nach dem Gasthofe, wo durch ein Militär-Concert die Feier abgeschlossen werden soll."

Der Gemeinderat beschloss daraufhin, den Platz am Ausgang der Allee- (Schulze-Delitzsch-) Straße und Haupt-(Neustädter) Straße zur Bepflanzung der Eiche anzuweisen, dem ,,Luther-Comite" einen Beitrag von 200 M aus der Gemeindekasse zu bewilligen. Er beschloss ferner auf einer Gemeinderatssitzung 1884 die Instandhaltung der Luthereiche nebst Einfriedung für alle Zeiten auf Gemeindekosten zu übernehmen. - Da man heute von einer Luthereiche auf besagtem Platz nichts mehr wahrnehmen kann, sind ,,...alle Zeiten" inzwischen wohl bereits abgelaufen ...
 
Im März 1864 wurde die Kirche von Reudnitz (Markuskirche) feierlich eingeweiht.

Der Turm der Reudnitzer Markuskirche hatte eine Höhe von 67,1 m, Kirchenschiff und Emporen boten 1150 Sitzplätze. 
Die Kirche wurde nach einem Projekt des Baurats Möckel im früh-gotischen Stil gebaut. 

Im Februar 1978 wurde die Kirche aus bautechnischen Gründen wie es damals hieß, gesprengt werden.
 
 
 

links im Bild: 
Markus-Kirche, Leipzig-Reudnitz mit Gemeindehaus, 
Auschnitt aus einer Postkarte um 1905
 

Nachdem - wie bereits erwähnt - ab 1. Januar 1887 durch Pastor Zinker von der Inneren Mission im Betsaal der Schule in Neustadt Gottesdienste eingerichtet und abgehalten wurden, erlangte Neustadt-Neuschönefeld 1889 eine erste kirchliche Unabhängigkeit von Schönefeld.

Bildung selbständiger Kirchgemeinden aus der Großparochie Schönefeld:

Kirchgemeinde
Bezeichnung
selbständig ab
eigene Kirche
Reudnitz
Markus
1.1.1880
1884-1978
Volkmarsdorf
Lukas
1.5.1891
1893
Neustadt-Neuschönefeld
Heilig-Kreuz
1.5. 1892
1893
Anger-Crottendorf
Trinitatis
1.6. 1892
(1891)
Sellerhausen-Stünz
Emmaus
1.7. 1892
1899

Im Betsaal der Schule wurden auch Taufhandlungen und Konfirmandeneinsegnungen vorgenommen wie auch stille Trauungen, während solche mit Orgel und Chorgesang weiterhin in der Schönefelder Kirche vollzogen wurden. Den Kirchengesang in Neustadt leitete der Lehrer Alwin Starke, wofür er einen jährlichen Gehaltszuschlag von 50 M erhielt Ein Organist mit einem Jahresgehalt von 150 M und ein Kirchendiener mit einem Gehalt von 100 M wurden bald eingestellt.

Schon ab 1887 wurde ein Kirchenbaufonds gegründet, der am 27. April 1889 ganze 165 Mark und 57 Pfennige umfaßte. Davon konnte man, auch wenn manche finanziell wenig bemittelte Spender sich ein paar Pfennige abgespart hatten, noch keine Kirche bauen.

Der 1. Januar 1890 war für alle Ortsvororte von großer Bedeutung: auch Neustadt wurde als Leipzig-Neustadt gemeinsam mit Neuschönefeld, Neureudnitz, Sellerhausen sowie Volkmarsdorf (um nur den Osten Leipzigs zu benennen) zur Stadt Leipzig eingemeindet.

[Sommer 1989]

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