Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996






die ,,Kaiserhallen" in Leipzig-Neustadt
 
 

Auch vor etwa hundert Jahre wurde im Gebiet an der Eisenbahnstraße, in den gerade erst eingemeindeten Ostvororten, viel gebaut. Die Maurer hatten damals gerade den Zehnstundentag erstreikt, der Stundenlohn lag bei 35 Pfennig und in den Zeitungen aus dieser Zeit kann man häufig von Unfällen auf den Baustellen lesen.

Zum Baugesehehen findet man im ,,Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger Nr. 152, vom 4. Juli 1890, folgendes:
,,Oertliches Leipzig. In der Eisenbahnstraße und deren Nebenstraßen wurden voriges Jahr 52 Häuser gebaut, dieses Jahr sind es nur 18, deren architektonisch schöner Abschluß an der Ecke der Eisenbahn- und Alleestraße das pompöse Vergnügungs-Etablissement des Herrn Booch bildet."

Dieses Etablissement in den unteren beiden Etagen des Hauses Eisenbahnstraße 1, für seine Zeit modern und mit einer Vielzahl von Räumen (Restaurant, Versammlungsräume, Billardräume u.a.) ausgerüstet, wurde am 15. September 1890 feierlich als ,,Kaiserhallen" eröffnet. Geradezu sensationell versorgte eine hauseigene Dampfmaschine mit 25 PS (etwa 18 kW) die Zentralheizung und elektrische Beleuchtung (!) technisch verwendbare Glühlampen gab es ja erst seit etwa 1880 (Edison). In Zeitungsanzeigen vor 100 Jahren konnten sich die ,,Kaiserhallen" völlig zurecht als ,,elegantestes Verkehrslocal der Ostvorstadt" Leipzigs rühmen.

Auf einer Bildpostkarte aus dem Jahre 1904 ist die Gebäudekonstellation an der Einmündung der Eiscnbahnstraße zu sehen.
Das Eckgebäude links ist das Haus Eisenbahnstraße 1: unten die ,,Kaiserhallen" mit Eck-Cafe in der ersten Etage, in der zweiten Etage das Fotoatelier ,,Brüggemann" (später, nach dein Krieg, an der landwärtigen Straßenbahnhaltestelle an der Einertstraße).
Das Bild enthält eine ganze Reihe interessanter Informationen:

Ein Blick in die Leipziger Adreßbücher um die Jahrhundertwende zeigt: in diesem Haus, Eisenbahnstraße 1, wohnten vornehmlich Geschäftsinhaber, Kaufleute, Verleger, Fabrikbesitzer und Beamte.
Die großen Eckgrundstücke am Eingang der Eisenbahnstraße wurden im Dezember 1943 bei einem Bombenangriff zerstört.
Nach dem Krieg wurden beide Ecken ,,begrünt", mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt -inzwischen Raritäten an der Eisenbahnstraße. Trotz Baumschutzordnung mußten im Jahr 1992 auf den ehemaligen Grundstücken 1 und 3 alle Bäume und Sträucher einem Bürohaus-Neubau ersatzlos weichen. 
Zeitungsanzeigcn aus LVZ bis FAZ zeigen das neue Eckgebäude. Künftig soll auch das rechte Eckgrundstück wieder bebaut werden. Vielleicht könnte man da mehr Rücksicht auf das ,,Grün" nehmen?

Zum Schluß noch ein Hinweis: man sollte am Haus Eisenbahnstraße 1 eine Informationstafel anbringen, die an die Leipzig-Dresdner Eisenbahn als erste deutsche Fernbahnlinie erinnert, die früher an dieser Stelle, faktisch auf dem heutigen Fußweg, vorbeiführte und der Straße ihren Namen gab.

Leipzig, im November 1993
 
 
 

über den ,,Gasthof Neustadt"
 
 

Für viele ist Wohngebietsgeschichte auch ein Stück Familiengeschichte oder persönlicher Erlebnisse.

Wie viele hat unser Sohn Oliver den Kindergarten in der Hermann-Liebmann-Straße 99 besucht.
Seinerzeit wohnten wir nur ein paar Fußminuten entfernt in der Schulze-Delitzsch-Straße, schräg 'rüber
von der Wander-Schule.
Fast alle Häuser dieses Viertels sind über 110 Jahre alt, das Kindergartengebäude, als ,,neuzeitliche Ausnahme", wurde erst im Dezember 1963 seiner Bestimmung übergeben. Geht man den Fußweg dort an der Liebmannstraße entlang, dann kann man an der Pflasterung eine Toreinfahrt des vormaligen Gebäudes erahnen.
Was stand nun früher auf diesem relativ großen Areal für ein Haus? -
 
Ein Blick ins alte Leipziger Adreßbuch gibt dazu zwei Auskünfte:
1. Kirchstraße ( H.-Liebmann-Str.) Nr. 99, Gasthof Neustadt und 
2. gehörten zum eigentlichen Grundstück drei Hausnummern - die Nr. 97, Nr.99 und von der 
Meißner Straße die Nr. 35, heute alles zur Nr. 99 zusammengefaßt, die beiden anderen wurden ausgelassen.
Die Entstehung des ,,Gasthofes Neustadt" läßt sich heute relativ gut aus den Unterlagen der Neustädter Gemeinderatssitzungen und der damals gängigen Vorortszeitung, dem ,,Leipziger Dorfanzeiger", der Jahre 1881/82 rekonstruieren.

Neustadt bei Leipzig, vorher eher ungeliebtes Anhängsel der Gemeinde Schönefeld, war im Januar 1881 eine selbständige Vorortgemeinde von Leipzig geworden. Im Gemeindegebiet gab es zwar viele kleine und mittlere Versammlungsräume in Gaststätten, ein großer Veranstaltungs- und Versammlungsraum fehlte aber noch.
 

links: Ausschnitt aus dem Leipziger Stadtplan von 1929

-Die junge Gemeinde Neustadt zählte damals noch nicht mit Wohnhäusern bebaut. Im November 1881 suchte der Brauereibesitzer Offenbauer aus Thonberg beim Neustädter Gemeinderat um eine Baukonzession
,,... behufs Erbauung eines größeren Restaurationagebäudes am Kirchweg" nach.

Nach Erteilen der Baugenehmigung wurde das Gebäude im Frühjahr/Sommer 1882 errichtet. Im "Leipziger Dorf-Anzeiger" wird besonders auf die Verlegung von Gas— rohren zum und im neuerbauten Gasthof eingegangen. Der Gasanschluß zu Beleuchtungszwecken war in den Leipziger Vororten für die damalige Zeit ein umstrittenes Novum; an elektrischen Strom und Glühlampen zum Gebrauch für jedermann war noch nicht zu denken - der Erfinder Edison hatte erste Erfolge mit länger funktionsfähigen Glühlampen im Jahr 1880 erzielen können. Im Jahr 1910 hatten erst 2% der Neustädter Wohnungen Stromanschluß.

Postkarte aus dem Jahre 1913,
auf der Rückseite steht ,,Gasthof Neustadt Kirchstraße 99, Konzert- und Ballhaus 1. Ranges"

Im August 1882 wurde der ,,Gasthof Neustadt" eröffnet, erster Eigentümer war Herr Friedrich Reichhardt. Im Leipziger Dorf — Anzeiger stand am Samstag, dem 5. August 1882 folgende Anzeige:

Neu! Gasthof Neustadt Neu!

Sonntag den 6. August, Concert und Ballmusik von der Capelle des KönigIich

Sächsischen Infanterie - - Regimentes Nr. 106

Anfang 4 Uhr

ff. Speisen und Getränke in bekannter Güte. Gleichzeitig halte ich den geehrten Vereinen und Gesellschaften meine neuerbauten Lokalitäten, großer Concert- und Ballsaal, Kleiner Saal,
Gesellschaftszimmer, und Kegelbahn, bestens empfohlen.

Achtungsvoll Friedrich Reichhardt

In der Folgezeit fanden im ,,Gasthof Neustadt" alle größeren Veranstaltungen und Feste in der Neustädter Gemeinde statt. Doch auch nach der Eingemeindung Neustadts zu Leipzig im Jahr 1890 blieb der ,,Gasthof Neustadt" ein wichtiges Gebäude im Leipziger Osten. Ab 23. Juli 1898 fuhr die elektrische Straßenbahn über die Kirchstraße, mit Haltestelle am ,,Gasthof Neustadt", zum Stannebeinplatz.

Neben Unterhaltung, Tanz, Musikveranstaltungen, Tumervorführungen erlangte der ,,Gasthof Neustadt" auch durch politische Versammlungen besondere Bedeutung:
eine Vielzahl Landtags- und Reichstagsabgeordneter, Sozialdemokraten, Reichstreue, Kommunisten, Vertreterinnen der Frauenbewegungen sprachen hier zu den Bürgern.

Das Gebäude wurde am 3.12.1943, beim großen anglo-amerikanischen Luftangriff auf Leipzig, zerstört.
 
 

Leipzig, Februar 1993

zurück