Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996









Schankwirtschaft "Zum Bergschlößchen"
 
Am 29. März 1992 wurden spätabends im ZDF Ausschnitte preisgekrönter Filme gezeigt.
Darunter konnte man in einem Schwarzweißfilm überraschend auch Aufnahmen aus der Leipziger Eisenbahnstraße (ehem. Thälmannstraße) sehen: die Fassadenfront vom einstigen Kino ,,Wintergarten", ,,Broilerbar-Ost" bis zur Ecke Melchiorstraße in ihrem erschreckend heruntergekomme nen Zustand.
Ein ostdeutscher Filmemacher erhielt für diesen Film bei der Adolf -Grimme-Preisverleihung 1992 einen Sonderpreis - der Grimme-Preis ist ein vom Deutschen Hochschulverband gestifteter und als bedeutendste deutsche TV-Auszeichnung geitender Preis, der jährlich in Marl (NRW) verliehen wird.
Hier sollen aber nicht der Filmemacher, sondern die gezeigten Gebäude aus unserem Wohngebiet im Mittelpunkt stehen. Das Flurstück zwischen dem ,,Wintergarten" bis zur Ecke Melchiorstraße als Eisenbahnstraße 56 gehört zu Neuschönefeld und trägt die Katasternummer 83.

Im Mai 1851 wurde an dieser Stelle die erste Schankwirtschaft der Gemeinde Neuschonefeld mit der Bezeichnung ,,Zum Bergschlößchen" eröffnet. Ursprünglich lag das Gebäude auf einem kleinen Hügel, vielleicht daher der Name? Die erst 1845 selbstständig gewordene Gemeinde Neuschönefeld zählte 1851 etwa 2300 Einwohner. Direkt vor der Schankwirtschaft führten die Gleise der Leipzig-Dresdner Eisenbahn vorbei, nur die Eisenbahnstraße lag dazwischen - allerdings nur etwa halb so breit wie heute, dafür von einer Kirschbaumallee gesäumt. Im Saal dieser Gastwirtschaft, wo heute die Reste des Kinos ,,Wintergarten" stehen, fanden bis zur Eingemeindung von Neuschönefeld zu Leipzig im Jahr 1890 regelmäßig die Gemeinderatssitzungen statt. In diesem Gebäude wurde 1875 der ,,Allgemeine Arbeiterverein zu Neuschönefeld" gegründet, aber aufgrund des sozialdemokratischen Gedankengutes mit dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes 1878 bereits wieder verboten. Ab 1885 konnten im Neuschönefelder ,,Bergschlößchen" wieder sozialdemokratische Versammlungen stattfinden. Zur Abendfeier des 1. Mai 1890 kann man im ,,Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger" lesen:
,,Im Bergschlößchen von Neuschönefeld hatten wir Gelegenheit, den für alle Festsäle gleichlautenden Prolog schwungvoll von Herrn Kies vorgetragen zu hören. Dagegen war die Musik nicht so gut wie in den westlichen Vororten und die Luft zum Ersticken vom Tabakrauch durchqualmt. Nach dem hier eingegangenen Eintrittsgeld berechnete der Mann an der Kasse die Zahl der Anwesenden auf 1200 Köpfe."

Das UFA-Theater ,,Wintergarten" wurde erstmals in Jahr 1924 in den ,,Leipziger Kinoblättern" erwähnt. Der Name deutet möglicherweise auf den ehemaligen Saal hin. Mit 530 Plätzen war dieses Kino noch vor ein paar Jahren fünftgrößtes Leipziger Kino, unser ,,Filzlatschenkino".

Und nun ...? Letzter Besitzer des Gesamtgrundstücks, laut Adreßbuch von 1942, war der Gastwirt und
Kaufmann F. Groß. Vielleicht kann der Bürgerverein ,,Neustädter Markt e.V." was zur Zukunft dieser Gebäude ermitteln oder mitteilen?
 

Leipzig-Neustadt, April 92
 
 
 

der ,,Blud‘schen Gnoch‘n" in Neuschönefeld
 
 

Waren die Menschen in der ,,guten alten Zeit" geselliger?
Damals traf man sich nach vollbrachtem Tagewerk in Gaststätten zum Unterhalten, zu Musik und zum Tanzen. ,,Alleinunterhalter", wie Radio, Fernsehapparat, Videorekorder und andere Errungenschaften der heutigen Zeit gab‘s damals ja noch nicht.
 
So war es auch nicht verwunderlich, dass kurz nach Gründung der selbstständigen Gemeinde Neuschönefeld (1845) bereits im Jahr 1851 als erster Tanzsaal im Haus Nr. 167 ,,Rübners Salon", später Salon ,, Sanssouci", gegenüber vom damaliger Gemeindeamt, eröffnet wurde. 
Neuschönefeld hatte in dieser Zeit etwa 70 Wohnhäuser mit 2300 Einwohnern. 
 
 
 
 
 
 

Die Lageskizze links von 1864 läßt die randstädtische Situation der Gemeinde zwischen dem Flüßchen Rietzschke und der Eisenbahnlinie nach Dresden erahnen

Besonders in den Jahren der ,,Gründerzeit", nach 1871, stiegen die Einwohnerzahlen der Leipziger
Vororte teilweise um ein Vielfaches an, neue Orte entstanden, z.B. Neustadt, nördlich der Leipzig-Dresdner Eisenbahnlinie, im ,,Salon Sanssouci" wurde regelmäßig zu ,,Concert und Ballmusik",
wie man dem ,,Leipziger Dorfanzeiger" dieser Jahre entnehmen kann, eingeladen.


Sanssouci, Neuschönefeld 1883 Clara-/Heinrichstraße

Das ging aber nicht immer nur mit Tanz, Unterhaltung und Frohsinn vonstatten: im Jahr 1886 kam der Tanzsaal zu seinem neuen (Volksmund Namen ,,Blud‘scher Gnoch‘n". Im ,,Reudnitzer Tageblatt" vom 30. August 1886 steht folgendes:
,,Neuschönefeld. Sanssouci war gestern Abend der Schauplatz einer blutigen Schlägerei, wie wir sie seit Menschengedenken hier nicht gehabt haben. An derselben waren über 50 Personen beteiligt, meist junge Nachbarsleute aus Volkmarsdorf und Sellerhausen. Kellner, Wirt und Polizei waren machtlos, die Kämpfenden zu trennen, selbst die blanke Waffe konnte nichts ausrichten. Schließlich wurde die Feuerwehr aufgeboten, der es endlich gelang, die Ruhe herzustellen. Die Verletzungen, darunter verschiedene schwerer Natur, sind sehr zahlreich."

Sogar in den ,,Dresdner Nachrichten" wurde wurde das blutige Ereignis erwähnt. Einige unserer älteren Mitbürger können sich noch an die Bezeichnung ,,Blud‘scher Gnoch‘n" erinnern. Der Tanzsaal hieß zuletzt ,,Klein Sanssouci" (Otto-RunkiStraße 18), er wurde 1976 abgerissen.


Sanssouci, Neuschönefeld, 1976 kurz vor dem Abriss

Im Rabet-Park steht heute, fast an gleicher historischer Stelle, der Jugendklub ,,Rabet". Dieser Jugendklub wurde im Oktober 1988 eröffnet und hat mit seinem regen Zulauf bei Tanzveranstaltungen wohl gute Chancen, an die positiven Traditionen an Ort und Stelle anzuknüpfen. -
 
 

Leipzig-Neustadt, Juni 1992
 
 
 

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