Historisches aus dem Leipziger Osten
 

Beiträge zum Neustädter Markt-Journal der Jahre 1992 bis 1996






über die Entstehung der Neustädter Feuerwehr
 
 

Vielleicht haben Sie es auf dem Weg zum Bäcker oder zur Straßenbahn auch schon gesehen? Im Schaukasten an der Ecke Ludwig-/Einertstraße grüßt die Freiwillige Feuerwehr (FFW) Leipzig-Ost alle Einwohner zum Neuen Jahr und wirbt gleichzeitig um interessierte Jugendliche - Treff dienstags ab 18 Uhr an der Messehalle 20. An dieser Stelle hätte man auch gleich noch auf die Traditionen der Feuerwehr im Wohngebiet hinweisen können und auf ein bevorstehendes Jubiläum: der erste Feuerwehrzug wurde hier vor 120 Jahren gegründet. Das weiß heute sicher niemand mehr und deshalb an dieser Stelle ein kleiner Rückblick.

Bis zum Jahr 1875 war die Schönefelder Ortsfeuerwehr auch für das ständig wachsende Wohngebiet des ,,Neuen Anbaus", wie damals das heutige Neustädter Gebiet genannt wurde, zuständig. Im genannten Jahr übertraf erstmals die Einwohnerzahl des Neuen Anbaus mit etwa 4300 Einwohnern in 120 Gebäuden deutlich die der Muttergemeinde Schönefeld mit etwa 2900 Einwohnern. Aus organisatorischen und technischen Gründen wurde die Bildung einer ortsteileigenen Feuerwehr im Neuen Anbau dringend erforderlich - eigentlich war sie schon längst überfällig. Die Entwicklung des neuen Wohngebietes wurde von Schönefelder Seite damals kaum gefördert. Nur als Steuerzahler war man offenbar willkommen. Das kann man auch einem Artikel im ,,Leipziger Tageblatt" vom 6. Februar 1876 entnehmen. Hier eine Leseprobe gekonnter Zeitungssatire:

,,Noch einmal und wahrscheinlich nicht zum letzten Male eine Historie von dem Stiefkinde der Muttergemeinde Schöne feld, dem sogenannten ,,Neuen Anbau".

Im Sommer bei dem immer hier herrschenden Winde Staub zum ersticken, im Winter nach einem Regentage Schlamm zum Versinken, Abends in den Straßen raben finstere Nacht, kein öffentlicher Brunnen, ungenügende Polizei die endlich beschaffte Spritze in einer B r e t t e r b u d e - wenn es s o bleibt, so muß man Leipziger Polizeiorganen beipflichten, welche diese ganze Vorstadt mit: ,,der Verdacht" bezeichnet."

Hier wird die Feuerspritze bereits erwähnt, zur Gründung der Feuerwehr im Neuen Anbau (N.A.) steht im ,,Leipziger Dorfanzeiger" Nr. 5/1876 folgendes:

,,Schöne feld. Gemeinderaths-Versammlung 30. Juli 1875.
... desweiteren beschließt man für den N.A. einen neuen Zug Feuerwehr zu bilden, sowie die erforderlichen Ausrüstungsgegenstände, insbesondere eine Karrenspritze anzuschaffen..."
 


So oder ähnlich könnte diese erste Karrenspritze ausgesehen haben. Dem ,,Deutschen Feuerwehrbuch" (1928) nach wurden in den Städten zunächst derartige zweirädrige Kipp- oder Schlittenspritzen verwendet.

Für die im Zeitungsartikel erwähnte Feuerspritze wurde im September 1875 im Schulhof der heutigen Wander-Schule ein erster Schuppen gebaut. Zur weiteren Ausrüstung der Feuerwehr im Neuen Anbau steht im Protokoll der Schönefelder Gemeinderatssitzung vom 29. Juni 1880:

,,... Die Beschaffung eines Gerätewagens und Rettungsschlauchs etc. für die Feuerwehrabteilung im Anbau macht sich nothwendig und wird deshalb der Ankauf beschlossen. ... Die Wahl des Herrn Brähne als Commandant für die Abteilung im Anbau wird bestätigt."

Besonders im Leipziger Osten wurde in diesen Jahren eine einsatzstarke und gut ausgerüstete Feuerwehr dringend benötigt. In der Gründerzeit waren schnell ganze Wohngebiete völlig neu entstanden, in der Eile entstanden gleichzeitig daneben oder in den Hinterhöfen neue Betriebe und Fabriken. Beim unachtsamen Umgang mit brennbaren Flüssigkeiten - die Raumbeleuchtung erfolgte ja fast ausschließlich auf dieser Grundlage -, mangelhaften Kenntnissen über neue Maschinen und neue Technik, einem relativ niedrigen Arbeits- und Brandschutzaufwand kam es, wie man den Vorortzeitungen entnehmen kann, häufig zu Unfällen, Bränden oder kleineren Explosionen. Mancher Haus- oder Fabrikbesitzer verließ sich wohl in erster Instanz auf den Heiligen St.Florian, den Schutzpatron gegen Feuersgefahr, wie die folgende Inschrift zeigt:

Nach Erringen der politischen Selbständigkeit im Jahr 1881 als ,,Neustadt bei Leipzig" wurde im Jahr 1884 das ,,Kommando der freiwilligen Schutzmannschaft bei Feuersgefahr" laut Gemeinderatsbeschluß von 60 auf 100 Mann verstärkt. Dieses Kommando unterstützte die 42 Mann ,,starke wohlorganisierte" Feuerwehr. Im Jahr 1885 wohnten in Neustadt etwa 7700 Einwohner in 248 Gebäuden.
Die Neustadter Feuerwehr löschte aber nicht nur im eigenen Wohngebiet, oft wurde sie zur Unterstützung bei Bränden in Nachbarorten hinzugezogen. So zum Beispiel im ,,Reudnitzer Tageblatt" vom 20. Februar 1885 zu lesen:
,,Neustadt. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag, zwischen 2 und 3 Uhr morgens, brach in der Niederlage der neben dem Gothischen Bade gelegenen Pfützenreuterschen Handschuh fabrik ein Schaden feuer aus, das die Vorräte verzehrte. Unsere Feuerwehr war die erste, welche Wasser gab, die Leipziger fuhr sich mit ihrem Zubringer in den sumpfigen Wiesen fest. Das Feuer konnte schließlich im gemeinsamen Einsatz gelöscht werden."

In der ,,Leipziger Vorstadtzeitung" wird am 15. Oktober 1887 über eine Explosion mit nachfolgendem Brand in einer neuerrichtete Likörfabrik in der Neuschönefelder Friedrichsstraße, heute Thümmelstraße, berichtet. auch in diesem Fall dürfte die Neustädter Feuerwehr unterstützend bei der Brandbekämpfung mitgewirkt haben.
Im Neustädter Wohngebiet gab es 1886 fünf Feuermeldestellen:
 
(heutige Straßen-Bezeichnung)
Eidner, E. Mariannenstr. 3 Mariannenstr. 21
Hennig, H Alleestr. 27 Sch.-Delitzsch-Str. 20
Hinze, A. Hedwigstr. 15 Hedwigstr. 10
Zimmermann, R. Alleestr. 6 Sch.-Delitzsch-Str. 18
Scheufler, H. Mariannenstr. 46 Mariannenstr. 44

Von diesen Meldestellen aus konnte im Wohngebiet ein zentraler Feueralarm ausgelöst werden, seinerzeit eine vorbildliche Einrichtung.
Am Schluß diese kleinen Exkurses möchte ich noch auf ein interessantes Projekt hinweisen.
Nach Eingemeindung der Ostvororte zur Stadt Leipzig in den Jahren 1889/90 wurde die Feuerwehr organisatorisch umgegliedert. Für den Osten der Stadt wurde in der Konstantinstraße im Jahr 1892 eine neue Feuerwache projektiert, aber nicht ausgeführt.
Auf diesem Gelände entstand später ein Teil des heutigen Schulzentrum 5 (Bau-, Farb- und Metalltechnik).
 
 

Leipzig, im Januar 1995

(Brief-) Nachtrag:
 
Freiwillige Feuerwehr Leipzig
Ortsfeuerwehr Ost (03 41) 6 89 60 76
Leipzig, 23. 02. 95

Kam. Steffen Uhlmann
Einertstraße 8
04315 Leipzig
 

Verein Neustädter Markt
- Vorstand -
Hedwigstr. 18
04315 Leipzig

Sehr geehrte Damen und Herren,

gestern bekam ich das ,,Neustädter Markt Journal" dieses Monats in die Hände und las interessiert den von Dr. H. Stein verfaßten Artikel über die Entstehung der Neustädter Feuerwehr. Wie schon von Dr. Stein vermutet, war uns nicht bekannt, daß es auch in unserem Wohngebiet eine Feuerwehr gegeben hatte.
Deshalb möchten wir uns auf diesem Wege bei Herrn Dr. Stein für diesen interessanten Artikel bedanken.

Gern würden wir das bevorstehende 120-jährige Gründungsjubiläum der Neustädter Feuerwehr nutzen, um uns im Wohngebiet vorzustellen. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, veranstalteten Sie in den vergangenen Jahren jährlich Wohngebietsfeste. Falls Sie in diesem Jahr wieder ein solches Fest planen, würden wir uns gern bei der Ausgestaltung einbringen und unsere Technik und unsere Jugendfeuerwehr vorstellen.

Wir würden uns daher freuen, wenn Sie sich mit uns in Verbindung setzen würden. Als weiterer Ansprechpartner steht Ihnen unser Jugendfeuerwehrwart, Kamerad Andre Geißler, Heiterblickallee 62, 04329 Leipzig, Telefon: 2 51 56 37 zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
...
 
 
 

über ein altes Sägewerksgelände
 
 

Die Gewerberaumrichtlinien für das Jahr 1994, so las ich im Leipziger Amtsblatt 1/94, weisen für die Laden-, Büro- und sonstigen Gewerberäume an der Eisenbahnstraße eine Gute Lage/ 2a mit Mieten bis zu 60,- DM/qm aus. Die Nachfrage scheint hoch zu sein. Die Mieter sind zum großen Teil neu im Gebiet.
Das war aber auch bei den ersten Gewerbeansiedlungen hier so gewesen.

Die älteste und zugleich größte Firma auf Neustädter Gebiet war das Sägewerk von Bäßler & Bomnitz.
Es lag etwa auf dem Areal, das heute zwischen Eisenbahn-, Luxemburg- und Neustädter Straße liegt.
Im Buch ,,Leipzig und seine Bauten", Gerhardt‘s Verlag 1892, steht darüber folgendes:

,,Von den Sägewerken ist das hervorragendste das der Firma Baeßler & Bomnitz in Leipzig. Das Holzgeschäft dieser Firma besteht seit dem Jahre 1840. Im Jahre 1845 legten die Besitzer in unmittelbarer Nähe des Dresdner Bahnhofs in Leipzig die erstc Dampfschneidemühle im Königreich Sachsen an, welche gleichzeitig mit den ersten in Sachsen Betriebenen Vollgattenn versehen wurde. Die Anlage brannte 1856 ab und 1857 wurde dann auf einem bedeutend größeren Grundstück in Neustadt - Leipzig eine neue Schneidemühle mit sechs Gattern angelegt.

Schon im Jahre 1864 wurde neben dieser noch eine zweite Schneidemühle mit fünf Vollgattern, einem Trenngatter und einigen Kreissägen erbaut, beide Anlagen sind bis Anfang Juni 1889 im Betrieb gewesen, nach welcher Zeit sie wegen Einfügung des Grundstücks in den Stadtbauplan abgebrochen wurden."
 
Ein Foto vom Sägewerk habe ich leider nicht in meinen Unterlagen, nur zwei angedeutete Schornsteine auf einem Stadtplan aus dem Jahr 1881, 
siehe Ausschnitt, links.

Der ältere und größere Schornstein hatte in seinem unteren Teil einen Umfang von über 15 Metern und eine Mauerstärke von 1,5 Metern. 
Er war 53 Meter hoch.

Im Jahr 1888 waren im Betrieb 112 Arbeiter beschäftigt, der Jahresumsatz lag bei etwa einer Million Reichsmark.
Nach dem Abriß des Werkes im Juli 1889 konnte man bereits am 18. August im ,,Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger" lesen:
,,Geschwindigkeit ist keine Hexerei.
Kaum ist das Bäßler-Bomnitz‘sche Sägewerk geräumt, so ist das große zwischen der Eisenbahn-, Allee- und Hauptstraße gelegene Dreieck in voller Bautätigkeit. Das Areal wird von 5 Straßen durchschnitten werden, welche der Grundbesitzer beschleußen, pflastern und mit Trottoir belegen läßt. Auf den 80 Parzellen werden Tausende von Menschen Platz haben, wenn alle Baustellen erst ausgefüllt sind."

Am 15. Dezember 1889 wird in der Zeitung die Ubergabe der ersten 10 Neubauten vermeidet.
Besonders die Parzellen an der Eisenhahnstraße wurden damals schnell mit Büro- und Geschäftshäusern bebaut, als Ladenstraße wurde sie über Leipzigs Grenzen hinaus bekannt.

Das kann man heute auch wünschen.
 
 
 

Leipzig, Januar 1994
 
 

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